ADHS bei Erwachsenen ist eine oft übersehene psychische Störung, die Konzentration, Impulskontrolle und Lebensorganisation nachhaltig beeinflussen kann.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird häufig noch immer als reine „Kinderkrankheit“ betrachtet. Tatsächlich begleitet ADHS viele Betroffene ein Leben lang – häufig unentdeckt bis ins Erwachsenenalter. Erst wenn berufliche Überforderung, Beziehungsprobleme oder chronische Selbstzweifel zunehmen, suchen viele Erwachsene nach einer Erklärung für ihre anhaltenden Schwierigkeiten. ADHS bei Erwachsenen äußert sich oft anders als im Kindesalter und wird deshalb nicht selten fehlinterpretiert oder anderen psychischen Störungen zugeschrieben.
Gleichzeitig ist es wichtig, ADHS nicht ausschließlich defizitorientiert zu betrachten. Viele Betroffene verfügen über besondere Ressourcen wie Kreativität, Spontaneität, Empathie oder die Fähigkeit zur intensiven Fokussierung auf interessante Themen. Ein differenzierter Blick hilft sowohl, die Herausforderungen als auch die Stärken von Menschen mit ADHS zu verstehen.
Inhalt
- ADHS erklärt: Bedeutung, Definition und andere gebräuchliche Bezeichnungen
- Ursachen von ADHS: Genetik, Gehirnfunktionen und Umwelteinflüsse
- ADHS diagnostizieren: Wie wird ADHS bei Erwachsenen festgestellt?
- Die drei Kernsymptome von ADHS: Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität
- ADHS-Subtypen: Kombinierter Typ, unaufmerksamer Typ und hyperaktiv-impulsiver Typ
- Begleitstörungen bei ADHS: Häufige komorbide Erkrankungen und Folgen
- ADHS bei Erwachsenen: Symptome, Verlauf und späte Diagnosestellung
- ADHS bei Frauen und Männern: Geschlechtsspezifische Unterschiede der Symptome
- Therapie von ADHS bei Erwachsenen: Behandlung, Medikamente und Selbsthilfe
ADHS erklärt: Bedeutung, Definition und andere gebräuchliche Bezeichnungen
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und bezeichnet eine psychische Störung, die durch Auffälligkeiten in den Bereichen Aufmerksamkeit, Impulsivität und Aktivitätsniveau gekennzeichnet ist. International wird bewusst der Begriff „Störung“ und nicht „Krankheit“ verwendet, um den Unterschied zu körperlichen Erkrankungen deutlich zu machen.
Neben der Bezeichnung ADHS existieren weitere Begriffe, die teilweise synonym oder historisch verwendet werden. In Deutschland und Europa ist der Begriff Hyperkinetische Störung (HKS) noch verbreitet und wird im Klassifikationssystem ICD-10 genutzt. Der Begriff ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) beschreibt meist eine Unterform mit ausgeprägter Unaufmerksamkeit ohne starke Hyperaktivität.
Ältere Bezeichnungen wie Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD) oder Psychoorganisches Syndrom (POS) werden heute nicht mehr verwendet, da sie überholte Annahmen über rein organische Ursachen widerspiegeln. Auch Begriffe wie sensorische Integrationsstörung oder Wahrnehmungsstörung gelten nicht als wissenschaftlich belegte Hauptursachen von ADHS.
Ursachen von ADHS: Genetik, Gehirnfunktionen und Umwelteinflüsse

Die Entstehung von ADHS lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Heute geht man von einem multifaktoriellen Modell aus, bei dem genetische, neurobiologische und umweltbedingte Faktoren zusammenwirken.
Genetische Faktoren
ADHS zeigt eine deutliche familiäre Häufung. Ist ein Elternteil betroffen, ist das Risiko für Kinder deutlich erhöht. Studien weisen darauf hin, dass genetische Veränderungen insbesondere Botenstoffsysteme im Gehirn betreffen, vor allem Dopamin und Noradrenalin. Diese Neurotransmitter spielen eine zentrale Rolle bei Aufmerksamkeit, Motivation, Emotionsregulation und Impulskontrolle.
Schwangerschafts- und Geburtsfaktoren
Belastungen während der Schwangerschaft oder Geburt, wie Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht oder Alkohol- und Nikotinkonsum der Mutter, können das Risiko für ADHS erhöhen. Diese Faktoren wirken jedoch meist nicht allein, sondern im Zusammenspiel mit einer genetischen Vulnerabilität.
Umwelteinflüsse
Familiäre Belastungen, chronischer Stress, konfliktreiche Beziehungen oder ungünstige schulische Rahmenbedingungen beeinflussen nicht die Entstehung, wohl aber den Verlauf und Schweregrad der ADHS. Negative Rückmeldeschleifen aus Kritik, Misserfolg und Ablehnung können die Symptomatik verstärken und zusätzliche psychische Probleme begünstigen.
ADHS diagnostizieren: Wie wird ADHS bei Erwachsenen festgestellt?
Die Diagnose von ADHS bei Erwachsenen ist anspruchsvoll und erfordert eine sorgfältige, mehrschrittige Abklärung. Sie darf ausschließlich von qualifizierten Fachärzten oder Psychotherapeuten gestellt werden, etwa von Psychiatern, ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten.
Zentral ist ein ausführliches diagnostisches Gespräch, in dem aktuelle Symptome, deren Auswirkungen auf Alltag und Beruf sowie die Entwicklungsgeschichte seit der Kindheit erfasst werden. Da ADHS definitionsgemäß bereits im Kindesalter beginnt, müssen Hinweise auf frühere Symptome vorhanden sein.
Ergänzend kommen standardisierte Fragebögen, Fremdbeurteilungen durch Partner oder Angehörige, testpsychologische Verfahren sowie körperliche und neurologische Untersuchungen zum Einsatz. Ziel ist es, andere körperliche oder psychische Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen können. Ein einzelner Test reicht für die Diagnose nicht aus – entscheidend ist das Gesamtbild.
Die drei Kernsymptome von ADHS: Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität
ADHS ist durch drei zentrale Symptombereiche gekennzeichnet, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können.
Unaufmerksamkeit äußert sich durch Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, leichte Ablenkbarkeit und Schwierigkeiten, Aufgaben zu strukturieren oder zu Ende zu bringen. Besonders problematisch sind fremdbestimmte oder monotone Tätigkeiten.
Hyperaktivität zeigt sich im Erwachsenenalter meist nicht mehr als ausgeprägte motorische Unruhe, sondern als innere Getriebenheit, Anspannung oder Gedankenrasen. Manche Betroffene wirken nach außen ruhig, fühlen sich innerlich jedoch ständig unter Strom.
Impulsivität beschreibt ein vorschnelles Handeln oder Sprechen ohne ausreichende Abwägung der Konsequenzen. Dies kann zu Konflikten, riskantem Verhalten oder finanziellen Problemen führen.
ADHS-Subtypen: Kombinierter Typ, unaufmerksamer Typ und hyperaktiv-impulsiver Typ
Nicht bei allen Betroffenen treten die drei Kernsymptome gleich stark auf. Das DSM-5 unterscheidet daher drei Subtypen:
- Der kombinierte Typ zeigt alle drei Kernsymptome in ausgeprägter Form.
- Der vorwiegend unaufmerksame Typ ist geprägt durch Konzentrationsprobleme, Desorganisation und Vergesslichkeit bei geringer Hyperaktivität.
- Der vorwiegend hyperaktiv-impulsive Typ zeigt vor allem Impulsivität und innere Unruhe, während Aufmerksamkeitsprobleme weniger im Vordergrund stehen.
Im Erwachsenenalter ist zudem häufig von einer partiellen Remission die Rede, wenn einzelne Symptome im Verlauf deutlich nachlassen.
Begleitstörungen bei ADHS: Häufige komorbide Erkrankungen und Folgen
ADHS tritt selten isoliert auf. Viele Betroffene entwickeln im Laufe ihres Lebens zusätzliche psychische Probleme. Besonders häufig sind Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen. Auch Schlaf-, Ess- und Stressregulationsstörungen kommen gehäuft vor.
Auf psychosozialer Ebene zeigen sich oft instabile Berufsbiografien, häufige Arbeitsplatzwechsel, Beziehungsprobleme und ein chronisch niedriges Selbstwertgefühl. Viele Erwachsene mit ADHS bleiben trotz hoher Begabung hinter ihren Möglichkeiten zurück, was den Leidensdruck zusätzlich erhöht.
ADHS bei Erwachsenen: Symptome, Verlauf und späte Diagnosestellung

Bei Erwachsenen mit ADHS steht in den meisten Fällen nicht mehr die äußere motorische Unruhe im Vordergrund, sondern vor allem eine ausgeprägte Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung. Viele Betroffene haben erhebliche Schwierigkeiten, ihre Aufgaben zu strukturieren, Prioritäten zu setzen und begonnene Tätigkeiten konsequent zu Ende zu führen. Besonders problematisch sind dabei fremdbestimmte, monotone oder wenig interessante Aufgaben – etwa im Berufsalltag oder bei organisatorischen Pflichten. Termine werden vergessen, Absprachen nicht eingehalten, wichtige Unterlagen verlegt oder Arbeiten unvollständig abgegeben. Die Betroffenen verzetteln sich leicht, verlieren den Überblick und erleben ihren Alltag häufig als chaotisch und unkontrollierbar.
Typisch für ADHS bei Erwachsenen ist ein instabiles Leistungsniveau. Phasen guter Leistungsfähigkeit wechseln sich mit unerklärlichen Einbrüchen ab. Viele Betroffene berichten, dass sie trotz hoher Motivation und intellektueller Fähigkeiten deutlich hinter ihren eigenen Erwartungen zurückbleiben. Dies führt nicht selten zu Frustration, Selbstzweifeln und einem chronischen Gefühl des Versagens. Gleichzeitig kann es zu einer sogenannten Hyperfokussierung kommen: Bei stark interessanten Themen oder Tätigkeiten sind Betroffene in der Lage, sich über lange Zeit intensiv zu konzentrieren und alles andere um sich herum auszublenden. Diese Fähigkeit wird von Außenstehenden oft missverstanden und steht scheinbar im Widerspruch zu den sonst bestehenden Aufmerksamkeitsproblemen.
Die im Kindesalter häufig stark ausgeprägte Hyperaktivität nimmt im Jugend- und Erwachsenenalter meist deutlich ab. An ihre Stelle tritt häufig eine ausgeprägte innere Unruhe, die von den Betroffenen als ständiges Getriebensein, innere Anspannung oder Gedankenrasen beschrieben wird. Viele Erwachsene fühlen sich permanent „unter Strom“, haben Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen, und empfinden längeres Sitzen oder Warten als äußerst unangenehm. Diese innere Unruhe kann sich in feinmotorischen Bewegungen wie Fußwippen, Trommeln mit den Fingern oder ständigem Nesteln äußern, bleibt jedoch für das Umfeld oft weniger auffällig als die kindliche Hyperaktivität.
Auch die Impulsivität kann bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben, wenngleich sie sich häufig subtiler zeigt als bei Kindern. Erwachsene mit ADHS handeln oder sprechen oft vorschnell, ohne die möglichen Konsequenzen ausreichend zu bedenken. Sie unterbrechen andere im Gespräch, treffen spontane Entscheidungen, neigen zu riskantem Verhalten oder haben Schwierigkeiten, sich zu bremsen – etwa beim Geldausgeben, im Straßenverkehr oder in emotional aufgeladenen Situationen. Hinzu kommt häufig eine emotionale Labilität mit schnellen Stimmungsschwankungen, geringer Frustrationstoleranz und heftigen emotionalen Reaktionen auf vergleichsweise kleine Auslöser.
Der Verlauf von ADHS ist individuell sehr unterschiedlich. Während sich bei einigen Betroffenen die Symptome im Jugend- und Erwachsenenalter deutlich abschwächen, bleiben bei anderen vor allem die Aufmerksamkeitsprobleme und die emotionale Instabilität bestehen. Besonders belastend wird ADHS im Erwachsenenalter häufig dann, wenn zusätzliche Anforderungen hinzukommen – etwa durch Beruf, Familie, Partnerschaft oder finanzielle Verantwortung. Strategien, mit denen die Betroffenen ihre Symptome lange Zeit kompensieren konnten, reichen dann nicht mehr aus. Der Alltag gerät zunehmend außer Kontrolle, und der Leidensdruck steigt erheblich.
Nicht selten wird ADHS daher erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Viele Betroffene haben bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich, die von schulischen Misserfolgen, instabilen Berufsbiografien, gescheiterten Beziehungen oder wiederkehrenden depressiven Verstimmungen geprägt ist. Da ADHS bei Erwachsenen häufig mit anderen psychischen Störungen wie Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen einhergeht, wird die zugrunde liegende ADHS lange Zeit übersehen oder fehlgedeutet. Erst wenn eine gezielte Diagnostik erfolgt und die Symptome im Zusammenhang betrachtet werden, wird deutlich, dass die Probleme auf eine seit der Kindheit bestehende ADHS zurückzuführen sind.
Eine späte Diagnosestellung kann für viele Betroffene zugleich belastend und entlastend sein. Einerseits wird deutlich, wie lange sie ohne angemessene Unterstützung mit ihren Schwierigkeiten allein waren. Andererseits erleben viele Erwachsene die Diagnose als Erklärung und Erleichterung, da sie ihre Biografie, ihre Probleme und ihr Selbstbild erstmals in einem sinnvollen Zusammenhang verstehen können.
ADHS bei Frauen und Männern: Geschlechtsspezifische Unterschiede der Symptome

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei ADHS rücken in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Forschung. Dabei zeigt sich, dass eine ADHS – insbesondere bei Frauen – deutlich häufiger unerkannt bleibt oder erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wird. Dies liegt vor allem daran, dass sich die Symptomatik bei Mädchen und Frauen häufig weniger offensichtlich zeigt und sich in vielen Fällen von der klassischen, lange Zeit männlich geprägten Beschreibung der Störung unterscheidet.
Frauen sind besonders häufig vom vorwiegend unaufmerksamen Subtyp (ADS) betroffen. Im Vergleich zu Männern sind Hyperaktivität und Impulsivität bei ihnen oft weniger stark ausgeprägt oder treten nicht in der für ADHS typischen äußeren Form auf. Stattdessen zeigen sich die Symptome eher nach innen gerichtet. Typisch sind ausgeprägte Aufmerksamkeitsprobleme, Verträumtheit, Vergesslichkeit, Schwierigkeiten bei Organisation und Zeitmanagement sowie eine erhöhte emotionale Sensibilität. Da diese Symptome selten durch störendes oder auffälliges Verhalten begleitet werden, bleiben sie für das Umfeld häufig lange unbemerkt.
Hinzu kommt, dass Frauen mit ADHS besonders häufig effektive Bewältigungs- und Kompensationsstrategien entwickeln. Sie investieren viel Energie, um ihre Schwierigkeiten zu verbergen, Erwartungen zu erfüllen und nach außen funktional zu wirken. Dieses permanente „Maskieren“ der Symptome ist jedoch äußerst kräftezehrend und funktioniert oft nur so lange, bis zusätzliche Belastungen auftreten – etwa durch Studium, Beruf, Partnerschaft, Mutterschaft oder andere einschneidende Lebensveränderungen. In solchen Phasen bricht die Kompensation häufig zusammen, und die ADHS-Symptome treten deutlich hervor.
Nicht selten werden die Beschwerden bei Frauen zunächst fehlinterpretiert. Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, emotionale Labilität und Erschöpfung werden häufig primär Angststörungen, Depressionen oder stressbedingten Belastungsreaktionen zugeschrieben. Die zugrunde liegende ADHS bleibt dabei unerkannt, was zu jahrelangen Fehldiagnosen und einer verzögerten adäquaten Behandlung führen kann. Viele betroffene Frauen entwickeln in der Folge ein geringes Selbstwertgefühl, ausgeprägte Selbstkritik und ein dauerhaftes Gefühl des Versagens.
Darüber hinaus zeigen sich bei Frauen mit ADHS spezifische psychosoziale Besonderheiten. Sie geraten schneller aus dem emotionalen Gleichgewicht, reagieren empfindlicher auf Zurückweisung und berichten häufiger über instabile Beziehungen. Zusätzlich können hormonelle Schwankungen im Verlauf des Menstruationszyklus, während einer Schwangerschaft oder in der Menopause die ADHS-Symptomatik deutlich beeinflussen und zeitweise verstärken.
Bei Männern zeigt sich eine ADHS im Erwachsenenalter häufig offensichtlicher. Zwar nimmt auch bei ihnen die ausgeprägte motorische Hyperaktivität aus der Kindheit meist ab, dennoch stehen innere Unruhe, Ungeduld und Impulsivität weiterhin stark im Vordergrund. Viele betroffene Männer empfinden es als äußerst belastend, längere Zeit ruhig zu sitzen oder monotone Tätigkeiten auszuführen, etwa im Büroalltag. Um die innere Spannung abzubauen, stehen sie häufig auf, laufen umher oder zeigen hastige, unkoordinierte Bewegungen, bei denen es nicht selten zu Missgeschicken kommt.
Eine ausgeprägte Impulsivität kann bei Männern mit ADHS zu riskantem Verhalten führen. Dazu zählen beispielsweise überhöhte Risikobereitschaft im Straßenverkehr, häufigere Unfälle, impulsive Entscheidungen oder das bewusste Provozieren von Konflikten. Betroffene reagieren schnell gereizt, sind emotional schwer zu bremsen und wirken auf ihr Umfeld mitunter unberechenbar. Schwierigkeiten im sozialen Miteinander, wiederkehrende Streitigkeiten und Probleme in Partnerschaften oder im Berufsleben sind daher keine Seltenheit.
Da diese Symptome nach außen hin stärker sichtbar sind, wird ADHS bei Männern insgesamt häufiger und früher diagnostiziert als bei Frauen. Dennoch ist auch bei Männern eine differenzierte Betrachtung wichtig, da individuelle Ausprägungen, Kompensationsmechanismen und Begleiterkrankungen den klinischen Eindruck erheblich beeinflussen können.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich ADHS bei Frauen und Männern zwar in denselben Kernsymptomen äußert, deren Ausprägung, Wahrnehmung und gesellschaftliche Bewertung jedoch deutlich variieren. Die Forschung zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei ADHS gilt als zentraler Ansatzpunkt, um Fehldiagnosen zu reduzieren, Diagnosen früher zu stellen und Betroffenen eine passgenauere Unterstützung zu ermöglichen.
Therapie von ADHS bei Erwachsenen: Behandlung, Medikamente und Selbsthilfe
Die Behandlung von ADHS bei Erwachsenen erfolgt leitliniengerecht multimodal, das heißt durch die gezielte Kombination verschiedener therapeutischer Ansätze. Ziel ist es, die individuellen Symptome zu lindern, den Umgang mit der Störung zu verbessern und die Teilhabe am beruflichen, sozialen und privaten Leben nachhaltig zu stärken. Da sich ADHS sehr unterschiedlich äußern kann, wird die Therapie stets an die persönlichen Bedürfnisse, den Leidensdruck und mögliche Begleiterkrankungen angepasst.
Einen zentralen Baustein der Behandlung bildet die Psychoedukation. In diesem Rahmen erhalten Betroffene umfassende Informationen über das Störungsbild, typische Symptome, Ursachen und den Verlauf von ADHS. Das Verständnis der eigenen Schwierigkeiten stellt für viele Erwachsene eine große Entlastung dar, da belastende Erfahrungen und wiederkehrende Probleme erstmals in einen nachvollziehbaren Zusammenhang gebracht werden können. Psychoedukation bildet zudem die Grundlage für alle weiteren therapeutischen Schritte und fördert einen konstruktiven, selbstfürsorglichen Umgang mit der Diagnose.
Ergänzend kommen psychotherapeutische Verfahren, insbesondere verhaltenstherapeutische Ansätze, zum Einsatz. Diese zielen darauf ab, alltagspraktische Fähigkeiten zu stärken und dysfunktionale Verhaltensmuster zu verändern. Im Mittelpunkt stehen unter anderem der Aufbau von Struktur und Routinen, verbessertes Zeit- und Selbstmanagement, der Umgang mit Aufschiebeverhalten sowie Strategien zur Emotionsregulation und Stressbewältigung. Auch die Bearbeitung von Selbstwertproblemen, die sich häufig aus jahrelangen Misserfolgserfahrungen ergeben haben, ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie.
Bei ausgeprägter Symptomatik kann eine medikamentöse Behandlung eine wesentliche Unterstützung darstellen. Stimulanzien wie Methylphenidat oder Amphetaminpräparate sowie das Nicht-Stimulans Atomoxetin können die Kernsymptome von ADHS – insbesondere Unaufmerksamkeit, Impulsivität und innere Unruhe – deutlich reduzieren. Medikamente verbessern häufig die Konzentrationsfähigkeit und Reizfilterung und schaffen damit erst die Voraussetzungen, um psychotherapeutische Inhalte effektiv umzusetzen. Die medikamentöse Einstellung erfolgt individuell und unter ärztlicher Kontrolle, wobei Nutzen und mögliche Nebenwirkungen sorgfältig abgewogen werden.
Neben Psychotherapie und Medikation spielen unterstützende Maßnahmen eine wichtige Rolle. Selbsthilfegruppen bieten die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Betroffenen, fördern das Gefühl von Verständnis und Zugehörigkeit und können wertvolle alltagsnahe Impulse vermitteln. ADHS-spezifisches Coaching unterstützt insbesondere bei beruflichen Fragestellungen, Organisation, Entscheidungsfindung und Zielplanung. Ergänzend helfen konkrete Strategien wie der Einsatz von Planungshilfen, Erinnerungsfunktionen, klaren Tagesstrukturen oder das bewusste Reduzieren von Reizüberflutung im Alltag.
Ziel der Behandlung von ADHS bei Erwachsenen ist nicht eine vollständige „Heilung“, sondern eine nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität, der Selbstwirksamkeit und der Funktionsfähigkeit im Alltag. Eine erfolgreiche Therapie ermöglicht es Betroffenen, ihre individuellen Stärken besser zu nutzen, ihre Symptome wirksam zu managen und langfristig einen stabileren und zufriedeneren Lebensstil zu entwickeln.
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