Personalisierte Medizin, oder auch Präzisionsmedizin, nutzt individuelle Daten, um Therapien, Medikamente und Versorgung passgenau auf Patientinnen und Patienten zuzuschneiden. Personalisierte Medizin, oder auch Präzisionsmedizin, nutzt individuelle Daten, um Therapien, Medikamente und Versorgung passgenau auf Patientinnen und Patienten zuzuschneiden.

Personalisierte Medizin und Präzisionsmedizin: Therapien, Medikamente, Forschung

Personalisierte Medizin, oder auch Präzisionsmedizin, nutzt individuelle Daten, um Therapien, Medikamente und Versorgung passgenau auf Patientinnen und Patienten zuzuschneiden.

Die Medizin befindet sich im Wandel: weg von standardisierten Behandlungsansätzen, hin zu individuell zugeschnittenen Therapien. Unter dem Begriff „Personalisierte Medizin“, oft auch “Präzisionsmedizin“ genannt, verbirgt sich die Vision, medizinische Entscheidungen stärker an den individuellen Eigenschaften eines Menschen auszurichten. Dabei stehen nicht nur Krankheit und Symptome im Fokus, sondern der Mensch mit seinen biologischen, genetischen, lebensstilbezogenen und sozialen Merkmalen. Ziel ist es, Krankheiten gezielter vorzubeugen, präziser zu diagnostizieren und wirksamer zu behandeln – zum richtigen Zeitpunkt und für die richtige Person.


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Personalisierte Medizin (Präzisionsmedizin) bedeutet, dass Behandlungsentscheidungen nicht allein nach der Diagnose, sondern zusätzlich nach individuellen Merkmalen getroffen werden – etwa genetischen Faktoren, molekularen Besonderheiten, biologischen Rhythmen oder Lebensumständen. (weiterlesen…)


Ziel ist es, die Therapie wirksamer, sicherer und besser auf den einzelnen Menschen abgestimmt zu machen. In der Onkologie ist dies bereits weit fortgeschritten; zunehmend werden aber auch Kardiologie und Neurologie durch personalisierte Ansätze geprägt.

In der Kardiologie spielt Genetik eine zentrale Rolle: Neben klassischen Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht und Lebensstil beeinflusst die genetische Prädisposition maßgeblich das Risiko für Herzinfarkt oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Fettstoffwechselstörungen wie hohe LDL- oder Lipoprotein-a-Werte sind häufig genetisch bedingt und lassen sich oft durch Lebensstil nicht ausreichend senken. Daher werden genetische Tests und frühzeitige, aggressive medikamentöse Therapien (z. B. Statine, PCSK9-Hemmer) empfohlen, um Schäden früh zu verhindern. Auch bei bestimmten Kardiomyopathien entscheidet ein Gentest über die richtige Therapie, etwa über die Notwendigkeit einer Defibrillatortherapie. Zusätzlich wird in Frankfurt gendersensible Herzmedizin praktiziert, da Herzerkrankungen bei Frauen oft anders verlaufen.

In der Neurologie ist die Personalisierung noch weniger weit, weil viele Krankheitsprozesse im Gehirn komplex und schwer messbar sind. Dennoch gibt es Fortschritte: Bei Schlaganfällen werden MRT-basierte Entscheidungen über Lyse oder Thrombektomie zunehmend präziser, und neue Hirnstimulationsverfahren zur Rehabilitation werden erforscht. Künstliche Intelligenz hilft, aus EEG- und MRT-Daten mehr Informationen zu gewinnen. Für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer wird künftig eine frühere genetische Risikoabschätzung erwartet – gleichzeitig wird kritisch diskutiert, ob Betroffene diese Information ohne wirksame Therapie wirklich wissen wollen.

Ein wichtiger Service ist das Online-Register der vfa, das alle in Deutschland zugelassenen Medikamente der Präzisionsmedizin listet – einschließlich solcher, bei denen ein diagnostischer Vortest vorgeschrieben oder empfohlen ist, sowie autologer Zell- und Gewebeprodukte.

Im News-Teil werden aktuelle Entwicklungen aus Forschung, Start-ups und Politik vorgestellt:

TimeTeller wird fĂĽr einen Speicheltest ausgezeichnet, der den zirkadianen Rhythmus misst und Therapien zeitlich optimiert, um Nebenwirkungen zu reduzieren.

Permedio erhält strategisches Investment für den MedikamenteCheck, eine genetische Analyse zur personalisierten Bewertung von Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Dosierung.

Theranostik und Nuklearmedizin etablieren sich als innovativer Ansatz in der Krebsbehandlung (u. a. PSMA-gerichtete Radionuklidtherapie bei Prostatakrebs) und zeigen, wie Diagnostik und Therapie in einem Verfahren kombiniert werden. Gleichzeitig werden der Ausbau der Versorgungsstrukturen und die Finanzierung als zentrale Herausforderung beschrieben.

CARMEN2026 (EP PerMed Call 2026) fördert europäische Projekte zur personalisierten Medizin bei Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und Nierenerkrankungen mit einem Budget von rund 38 Mio. €.

In Oberösterreich startet die Initiative „Personalisierte Technische Medizin“ als langfristige Allianz von Universitäten, Klinikum und Wirtschaft zur Entwicklung von KI-, Robotik- und datengetriebenen Medizinlösungen.

Ein in Wien entwickelter Lungenkrebs-Wirkstoff erhält Zulassungen in den USA, China und Japan und gilt als Meilenstein für den österreichischen Forschungsstandort.

Das AIT entwickelt gemeinsam mit wings4innovation einen neuen, personalisierten Antikörper gegen Darmkrebs und setzt auf frühzeitige Forschungsfinanzierung und KI-gestützte Wirkstoffentwicklung.

Insgesamt zeigt sich, dass personalisierte Medizin zunehmend konkrete Therapieentscheidungen beeinflusst – von genetischen Tests über zeitoptimierte Therapieplanung bis hin zu zielgerichteten Tumorbehandlungen. Damit rückt die Medizin immer stärker in Richtung einer patientenzentrierten, daten- und genetikorientierten Versorgung.


Was bedeutet Personalisierte Medizin? Eine Begriffsannäherung

Eine einheitliche Definition der Personalisierten Medizin existiert bislang nicht. Als international anerkannte Referenz gilt jedoch die Definition des Europäischen Rates (2015), die auch von zahlreichen wissenschaftlichen Initiativen übernommen wurde. Demnach beschreibt personalisierte Medizin ein medizinisches Konzept, das auf der Charakterisierung individueller Phäno- und Genotypen basiert. Dazu zählen molekulare Profile, bildgebende Verfahren sowie Informationen über Lebensstil und Umwelt. Diese Daten ermöglichen es, Therapien gezielt auszuwählen, Krankheitsrisiken frühzeitig zu erkennen und Präventionsmaßnahmen individuell anzupassen.

Im Kern geht es darum, medizinische Entscheidungen nicht mehr ausschlieĂźlich auf Durchschnittswerte zu stĂĽtzen, sondern die biologische Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen systematisch zu berĂĽcksichtigen.


Biomarker als Schlüssel der Präzisionsmedizin

Ein zentrales Element der Personalisierten Medizin sind sogenannte Biomarker. Dabei handelt es sich um messbare biologische Merkmale, die Aufschluss über den Gesundheitszustand, Krankheitsrisiken oder den Verlauf einer Therapie geben. Biomarker können einfache Parameter wie Blutdruck oder Herzfrequenz sein, aber auch hochkomplexe molekulare Informationen wie genetische Varianten, Proteinmuster oder Enzymaktivitäten.

Insbesondere in der Onkologie und bei Infektionskrankheiten spielen molekulare Biomarker heute eine entscheidende Rolle. Sie helfen dabei, vorherzusagen, ob ein Medikament bei einer Patientin oder einem Patienten wirken wird oder ob mit schweren Nebenwirkungen zu rechnen ist. So können Therapien gezielt eingesetzt und unwirksame oder belastende Behandlungen vermieden werden. Darüber hinaus ermöglichen Biomarker auch die frühzeitige Erkennung von Krankheitsrisiken und die kontinuierliche Überwachung des Therapieerfolgs.


Von Big Data zu Biobanken: Daten als Grundlage personalisierter Therapien

Die Fortschritte in der Personalisierten Medizin wären ohne das systematische Sammeln medizinischer Daten nicht möglich. Eine zentrale Rolle spielen dabei Biobanken, in denen Blut-, Gewebe- oder DNA-Proben zusammen mit klinischen Informationen gespeichert werden. Diese Sammlungen sind meist an medizinischen Universitäten oder Forschungseinrichtungen angesiedelt.

Neben molekularbiologischen Daten werden zunehmend auch Informationen zu Lebensstil, Umweltfaktoren, Alter, Geschlecht oder Krankheitsgeschichte erfasst und miteinander verknüpft. Dadurch entstehen umfangreiche Datensätze, die neue Erkenntnisse über Krankheitsmechanismen ermöglichen und die Entwicklung innovativer Diagnose- und Therapiestrategien vorantreiben.


Ganzheitliche Personalisierung: Mehr als Gene und MolekĂĽle

Ein modernes Verständnis der Personalisierten Medizin geht über genetische Analysen hinaus. Es berücksichtigt den Menschen in seiner Gesamtheit – einschließlich psychischer Gesundheit, sozialem Umfeld und individuellen Bedürfnissen. Personalisierung bedeutet in diesem Sinne nicht nur technische Präzision, sondern auch eine stärkere Ausrichtung auf die Perspektive der Patientinnen und Patienten.

Zukünftig sollen Patientinnen und Patienten eine aktivere Rolle einnehmen, etwa durch die freiwillige Bereitstellung von Gesundheitsdaten, die Teilnahme an Forschungsprojekten oder die Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung der gemeinsamen Entscheidungsfindung zwischen Ärztinnen und Ärzten sowie Patientinnen und Patienten.


Herausforderungen der Personalisierten Medizin

Trotz ihres großen Potenzials steht die Personalisierte Medizin vor erheblichen Herausforderungen. Dazu zählen die Verarbeitung und Interpretation großer Datenmengen, der sichere Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten sowie Fragen der Finanzierung und Zugänglichkeit. Auch die Auswirkungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis sind noch nicht abschließend geklärt.

Ein weiterer kritischer Punkt ist der zunehmende Druck zur Selbstüberwachung, etwa durch Wearables oder Gesundheits-Apps. Hier stellt sich die Frage, wie sich diese Entwicklung auf die Autonomie und Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten auswirkt. Um tragfähige Lösungen zu entwickeln, ist der interdisziplinäre Austausch zwischen Medizin, Technik, Ethik und Gesellschaft unerlässlich.


Ethische Fragen: Hoffnung, Verantwortung und Realität

Die Personalisierte Medizin weckt hohe Erwartungen: bessere Heilungschancen, weniger Nebenwirkungen und effizientere Prävention. Gleichzeitig bestehen berechtigte Sorgen, dass ein zu starker Fokus auf molekulare Daten andere wichtige Aspekte menschlicher Gesundheit ausblendet. Kritikerinnen und Kritiker betonen, dass echte Personalisierung auch subjektive Erfahrungen, Lebensqualität und individuelle Werte einbeziehen muss.

Zudem besteht die Gefahr, dass der Begriff falsche Hoffnungen schürt – etwa die Vorstellung, für jede Erkrankung gebe es eine maßgeschneiderte Lösung. Auch Fragen der Datenrepräsentativität sind zentral: Wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen in Datensätzen unterrepräsentiert sind, können daraus verzerrte medizinische Entscheidungen entstehen. Diese ethischen Fragestellungen müssen kontinuierlich gesellschaftlich diskutiert werden.


Personalisierte Medizin oder Präzisionsmedizin – ein Paradigmenwechsel

Aus diesen Gründen wird zunehmend der Begriff „Präzisionsmedizin“ verwendet. Er beschreibt einen datengetriebenen Ansatz, der auf der Analyse großer, vielfältiger Datensätze basiert. Ziel ist es, Muster zu erkennen, Risikogruppen zu identifizieren und medizinische Maßnahmen gezielt anzupassen – etwa durch spezifische Nachsorge oder alternative Therapieentscheidungen.

Diese datenbasierten Ansätze gelten als wegweisend, erfordern jedoch einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten, transparente Algorithmen und eine kritische Bewertung ihrer Aussagekraft.


MaĂźgeschneiderte Therapien fĂĽr zahlreiche Krankheitsbilder

Dank moderner Diagnostikverfahren wie Genomsequenzierung oder molekularer Bildgebung eröffnet die Präzisionsmedizin neue Möglichkeiten in Prävention und Therapie. Sie findet bereits heute Anwendung bei zahlreichen Erkrankungen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen, Stoffwechsel- und Autoimmunerkrankungen, neurologische und psychische Erkrankungen sowie genetische und infektiöse Krankheiten.

Indem genetische Risiken frühzeitig erkannt und Therapieansprechen besser vorhergesagt werden können, wächst die Chance auf individuell wirksame Behandlungen – und auf eine Medizin, die dem einzelnen Menschen gerechter wird.


Personalisierte Medizin in der Kardiologie und Neurologie: Individualisierte Therapie jenseits der Onesize-Logik

Das klassische medizinische Prinzip „eine Diagnose – eine Therapie“ verliert zunehmend an Bedeutung. Denn immer deutlicher zeigt sich, dass Menschen mit derselben Erkrankung sehr unterschiedlich auf Behandlungen reagieren. Die Ursachen liegen häufig in individuellen Krankheitsmechanismen, genetischen Voraussetzungen oder der persönlichen Lebenssituation. Während die personalisierte Präzisionsmedizin in der Onkologie bereits fest etabliert ist, gewinnt sie nun auch in der Kardiologie und Neurologie deutlich an Dynamik.

Präzisionsmedizin in der Kardiologie: Genetik als entscheidender Risikofaktor

In der Kardiologie spielt die genetische Ausstattung eine zentrale Rolle bei der Einschätzung von Krankheitsrisiken und der Auswahl geeigneter Therapien. Neben klassischen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen und Lebensstil rückt insbesondere die genetische Prädisposition immer stärker in den Fokus. Sie beeinflusst maßgeblich, wie sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln und wie gut Patientinnen und Patienten auf bestimmte Therapien ansprechen.

Ein besonders relevantes Beispiel sind Fettstoffwechselstörungen. Erhöhte LDL-Cholesterinwerte oder Lipoprotein(a) sind häufig genetisch bedingt und lassen sich durch Lebensstilmaßnahmen allein oft kaum beeinflussen. Dennoch wird in der Praxis noch immer häufig zu Diäten geraten, obwohl diese bei genetisch verursachten Dyslipidämien nur begrenzten Effekt haben. Die Folge sind Frustration bei Betroffenen und ein unnötiges Fortschreiten der Erkrankung.

Die Präzisionsmedizin setzt hier auf frühzeitige und gezielte Interventionen. Bei genetisch bedingten hohen LDL-Werten kann eine medikamentöse Therapie bereits in jungen Jahren sinnvoll sein, statt abzuwarten, bis Gefäßveränderungen sichtbar werden. Neben Statinen kommen zunehmend auch PCSK9-Hemmer zum Einsatz. Diese modernen Antikörpertherapien ermöglichen eine besonders effektive Senkung des LDL-Cholesterins, sind jedoch kostenintensiv und bislang vor allem Hochrisiko-Patientinnen und -Patienten vorbehalten. Neue Darreichungsformen befinden sich in der Entwicklung und könnten die Anwendung künftig erleichtern.

Auch bei anderen kardiologischen Erkrankungen entscheidet die Genetik heute über den therapeutischen Weg. So kann bei der hypertrophen Kardiomyopathie eine genetisch basierte medikamentöse Therapie zum Einsatz kommen, während bei der dilatativen Kardiomyopathie genetische Tests darüber entscheiden, ob eine Defibrillatorimplantation notwendig ist.

Gendersensible Herzmedizin und individuelle Therapieziele

Personalisierung in der Kardiologie beschränkt sich jedoch nicht auf genetische Marker. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede gewinnen zunehmend an Bedeutung. Herzkrankheiten äußern sich bei Frauen häufig anders als bei Männern, verlaufen unter anderen biologischen Bedingungen und werden deshalb teils später erkannt. Gendersensible Herzmedizin trägt diesen Unterschieden Rechnung und erforscht unter anderem den Einfluss von Hormonen wie Östrogen auf Gefäßveränderungen.

Darüber hinaus fließen individuelle Lebenssituation, Alter und persönliche Zielvorstellungen stärker in Therapieentscheidungen ein. Dabei gewinnt das biologische Alter gegenüber dem kalendarischen zunehmend an Bedeutung. Nicht bei allen Patientinnen und Patienten steht eine maximale Lebensverlängerung im Vordergrund – für manche ist eine bessere Lebensqualität das entscheidende Ziel. Präzisionsmedizin bedeutet hier auch, Therapieziele gemeinsam neu zu definieren.

Gendermedizin

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Personalisierte Medizin in der Neurologie: Präzision trotz komplexer Strukturen

Auch in der Neurologie gewinnt die personalisierte Medizin an Relevanz, wenngleich der Fortschritt langsamer verläuft als in der Kardiologie. Das liegt vor allem an der enormen Komplexität des Gehirns und den begrenzten Möglichkeiten, krankheitsrelevante Prozesse direkt zu messen. Dennoch gibt es wichtige Berührungspunkte, insbesondere beim Schlaganfall, der als Herz-Kreislauf-Erkrankung des Gehirns verstanden werden kann.

Moderne Bildgebung und der Einsatz künstlicher Intelligenz ermöglichen es zunehmend, aus EEG- und MRT-Daten detailliertere Informationen zu gewinnen. Dennoch bleibt es bislang schwierig, vorherzusagen, wie gut sich ein Mensch nach einem Schlaganfall erholen wird. Weder Alter noch Schweregrad erlauben zuverlässige Prognosen.

In der Akutbehandlung von Schlaganfällen ist die Personalisierung bereits weit vorangeschritten. Anhand bildgebender Verfahren lässt sich heute gezielt entscheiden, ob eine Lyse-Therapie oder eine Thrombektomie sinnvoll ist. Trotz dieser Fortschritte bleiben bleibende Einschränkungen jedoch häufig.

Daher rücken neue personalisierte Rehabilitationsansätze in den Fokus. Innovative Verfahren der Hirnstimulation zielen darauf ab, geschädigte neuronale Netzwerke gezielt zu aktivieren und ihre Wiedervernetzung zu fördern. Entscheidend ist dabei der individuelle Zustand des jeweiligen Netzwerks – ein Faktor, der aktuell intensiv erforscht wird. Ziel ist es, für jede Patientin und jeden Patienten den optimalen Stimulationszeitpunkt und -ort zu bestimmen.

Genetik und Neurodegeneration: Chancen und ethische Fragen

Auch in der Neurologie spielt die Genetik eine zentrale Rolle, etwa bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer. Neue Medikamente wie Lecanemab oder Donanemab markieren erste Ansätze einer genetisch informierten Therapie, deren klinischer Nutzen im Alltag jedoch noch kritisch bewertet wird.

Zukünftig könnten genetische Tests das Alzheimer-Risiko lange vor dem Auftreten erster Symptome bestimmen. Doch gerade hier stellen sich grundlegende ethische Fragen: Welchen Nutzen hat dieses Wissen, wenn bislang keine wirksame Therapie zur Verfügung steht? Und welche psychischen Belastungen entstehen durch das Wissen um eine mögliche Erkrankung, die tief in die Persönlichkeit eingreift?

Die personalisierte Medizin in der Neurologie steht damit exemplarisch fĂĽr die Gratwanderung zwischen wissenschaftlichem Fortschritt, medizinischem Nutzen und verantwortungsvollem Umgang mit sensiblen Informationen.


Zugelassene Arzneimittel der Präzisionsmedizin: Orientierung im vfa-Online-Register

Wie weit die Präzisionsmedizin bereits in der klinischen Praxis angekommen ist, zeigt ein Blick in das Online-Register des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa).
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Wie weit die Präzisionsmedizin bereits in der klinischen Praxis angekommen ist, zeigt ein Blick in das Online-Register des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Dort sind alle in Deutschland zugelassenen Arzneimittel erfasst, die den Prinzipien der personalisierten beziehungsweise präzisionsmedizinischen Therapie folgen. Das Register ist öffentlich zugänglich und bietet einen strukturierten Überblick über Medikamente, bei denen die Therapiewahl gezielt an individuelle Patientinnen- und Patientenmerkmale gekoppelt ist.

Im Unterschied zur klassischen Arzneimitteltherapie basiert die Auswahl dieser Medikamente nicht allein auf der Diagnose einer Erkrankung. Zusätzlich fließen genetische, molekulare oder zelluläre Eigenschaften der Patientinnen und Patienten in die Therapieentscheidung ein. Diese können die Wirksamkeit, Verträglichkeit oder auch die optimale Dosierung eines Medikaments maßgeblich beeinflussen. Ziel ist es, Behandlungen so präzise wie möglich zu steuern und unnötige Nebenwirkungen zu vermeiden.

Ein zentrales Merkmal der im vfa-Register gelisteten Medikamente ist die enge Verzahnung von Diagnostikum und Therapeutikum. Moderne diagnostische Verfahren identifizieren individuelle biologische Besonderheiten – etwa genetische Varianten oder molekulare Marker –, die anschließend die Wahl des passenden Medikaments bestimmen. Welche Tests erforderlich sind, hängt jeweils vom konkreten Wirkstoff ab.

Wichtig ist dabei die Abgrenzung: Nicht jede Therapie, die auf einem genetischen Test basiert, ist automatisch personalisierte Medizin. Genetische oder molekulare Tests können ebenso der reinen Krankheitsdiagnose dienen, etwa zur Identifikation von Erregern oder Erbkrankheiten, ohne dass daraus zwingend eine individualisierte Therapie folgt.


Preise, Forschung und Innovationen: Aktuelles aus der Personalisierten Medizin

Forschung, klinische Studien und innovative Start-ups treiben die personalisierte und präzisionsmedizinische Versorgung kontinuierlich voran. Aktuelle Entwicklungen zeigen, wie neue Erkenntnisse zunehmend in die medizinische Praxis übersetzt werden.

Chronomedizin: TimeTeller unter den Top 3 beim Deutschen GrĂĽnderpreis 2025

Das Hamburger HealthTech-Startup TimeTeller wurde beim Deutschen Gründerpreis 2025 in der Kategorie „Start-up“ unter die Top 3 gewählt. Ausgezeichnet wurde ein innovativer Ansatz, der den individuellen zirkadianen Rhythmus von Patientinnen und Patienten für personalisierte Therapien nutzbar macht.

Kern der Technologie ist ein nicht-invasiver Speicheltest, der mithilfe molekularbiologischer Verfahren, mathematischer Modelle und Künstlicher Intelligenz den optimalen Zeitpunkt für medizinische Behandlungen bestimmt. Insbesondere in der Onkologie könnten dadurch Nebenwirkungen reduziert und Therapieerfolge verbessert werden.

Das Verfahren wird bereits in mehreren nationalen und internationalen Studien eingesetzt. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Krebsmedikamenten im Tagesverlauf stark variieren. TimeTeller ist an der MSH Medical School Hamburg angesiedelt, entstand aus Forschungsarbeiten an der Charité und wurde unter anderem durch das Berlin Institute of Health gefördert.

Pharmakogenetik im Versorgungsalltag: Permedio erhält strategisches Investment

Die Permedio International GmbH hat mit dem Einstieg der ZMH GmbH rund um Dr. Hans Peter Haselsteiner einen wichtigen Wachstumsschritt angekündigt. Das Investment soll den gezielten Ausbau der Services für Ärztinnen und Ärzte, Labore und Krankenhäuser ermöglichen und die Integration personalisierter genetischer Analysen in den Versorgungsalltag vorantreiben.

Im Zentrum steht der MedikamenteCheck, eine pharmakogenetische Analyse, mit der sich Wirksamkeit, Nebenwirkungsrisiken und Dosierungsfragen von Medikamenten individueller beurteilen lassen. Hintergrund ist die große interindividuelle Variabilität in der Arzneimittelwirkung, die maßgeblich genetisch beeinflusst wird. Ziel ist es, Therapien sicherer, effektiver und besser auf einzelne Patientinnen und Patienten abzustimmen.

Permedio konnte in den vergangenen Jahren einen klaren Proof of Concept zeigen: Die Nachfrage stieg sowohl im B2C- als auch im B2B-Bereich, ebenso das Interesse von medizinischen und institutionellen Partnern. Mit dem neuen Investor plant das Unternehmen nun die Skalierung seiner Angebote, den Ausbau ärztlicher Supportstrukturen sowie eine stärkere Zusammenarbeit mit Laboren, Kliniken, Versicherungen und weiteren Akteuren im Gesundheitswesen.

Theranostik in der Onkologie: Nuklearmedizin als SchlĂĽssel der personalisierten Krebstherapie

Die Theranostik etabliert sich zunehmend als innovativer Ansatz in der personalisierten Krebsmedizin, wie auch das AHF-NetUp zu diesem Thema im November 2025 in Kelsen klar zeigte. Das Konzept verbindet Diagnostik und Therapie in einem Verfahren: Tumorgewebe wird zunächst mittels nuklearmedizinischer Bildgebung präzise sichtbar gemacht und anschließend gezielt behandelt – nach dem Prinzip „you see what you treat“.

In Österreich ist dieser theranostische Ansatz bereits heute bei Prostatakrebs sowie bei neuroendokrinen Tumoren im Einsatz, weitere Indikationen werden derzeit entwickelt. Besonders etabliert ist die PSMA-gerichtete Radionuklidtherapie beim Prostatakarzinom, bei der radioaktive Substanzen gezielt an Krebszellen binden. Studien zeigen, dass diese Therapie nicht nur das Fortschreiten der Erkrankung verzögert, sondern auch das Gesamtüberleben signifikant verlängern kann – bei vergleichsweise geringen Nebenwirkungen.

Die moderne Nuklearmedizin gilt damit als Schlüsseldisziplin der personalisierten Medizin, da sie funktionelle und molekulare Prozesse sichtbar macht und individuelle Therapieentscheidungen ermöglicht. Gleichzeitig warnen Expertinnen und Experten vor strukturellen Engpässen: Steigender Bedarf trifft auf begrenzte personelle, infrastrukturelle und finanzielle Ressourcen. Lange Wartezeiten gefährden teils den rechtzeitigen Therapiebeginn.

Diskutiert werden daher ein Ausbau ambulanter Versorgungsstrukturen, eine bessere Nutzung von Gesundheitsdaten sowie die Sicherstellung regulatorischer Standards. Nur durch ausreichende Evidenz, klare Zulassungsverfahren und koordinierte Anstrengungen von Politik, Gesundheitswesen und Behörden kann das volle Potenzial der Theranostik langfristig für Patientinnen und Patienten nutzbar gemacht werden.

Europäische Forschungsförderung: EP PerMed startet Call CARMEN2026

Die European Partnership for Personalised Medicine (EP PerMed) hat ihren neuen Förderaufruf JTC2026 „CARMEN2026“ veröffentlicht, kofinanziert durch die Europäische Union. Ziel ist die Förderung multinationaler Forschungsprojekte zur personalisierten Medizin bei kardiovaskulären, metabolischen und Nierenerkrankungen.

Der Call richtet sich an interdisziplinäre Konsortien aus akademischer Forschung, klinischer Praxis, öffentlichem Gesundheitswesen und Privatwirtschaft. Gefördert werden Projekte, die innovative personalisierte Therapien entwickeln, das individuelle Therapieansprechen besser überwachen oder Krankheitsrisiken frühzeitig vorhersagen und präventiv adressieren. Auch die Untersuchung von Krankheitskombinationen ist ausdrücklich vorgesehen.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf sektor- und disziplinübergreifender Zusammenarbeit, etwa unter Einbindung von Bioinformatik, Datenforschung, Ethik- und Sozialforschung, Implementierungsforschung, Gesundheitsökonomie sowie PatientInnenorganisationen und HTA-Agenturen. Ziel ist es, die Umsetzung personalisierter Medizin in die Versorgung zu erleichtern.

Der Call ist zweistufig angelegt und verfügt über ein Gesamtbudget von rund 38 Millionen Euro. Projektskizzen müssen bis Februar 2026 eingereicht werden, Vollanträge folgen im Juni 2026. Gefördert werden Verbundprojekte mit mindestens drei Partnern aus drei teilnehmenden Ländern, darunter Deutschland, Österreich und zahlreiche weitere europäische Staaten sowie Südafrika.

Forschungsinitiative in Oberösterreich: Personalisierte Technische Medizin als Zukunftsmodell

Mit der Forschungsinitiative „Personalisierte Technische Medizin“ positioniert sich Oberösterreich als zukunftsorientierter Standort für personalisierte Medizin und medizinische Hochtechnologie. Erstmals bündeln die Johannes Kepler Universität Linz (JKU), die Fachhochschule Oberösterreich (FH OÖ), die Interdisciplinary Transformation University Austria (IT:U) und das Kepler Universitätsklinikum (KUK) ihre Kompetenzen in einer langfristig angelegten, gleichberechtigten Forschungsagenda.

Ziel der Initiative ist es, medizinisch-technologische Innovationen der nächsten Generation zu entwickeln und diese rasch in die klinische Versorgung sowie in wirtschaftliche Anwendungen zu überführen. Im Mittelpunkt stehen personalisierte Diagnose- und Therapiesysteme, die modernste Technologien wie Künstliche Intelligenz, Robotik und datengetriebene Medizin mit klinischer Expertise verbinden.

Die Initiative verfügt über eine jährliche Grundfinanzierung von drei Millionen Euro, getragen von den beteiligten Institutionen, dem Land Oberösterreich und der Wirtschaftskammer Oberösterreich. Ergänzend sollen nationale und europäische Drittmittel eingeworben werden. Langfristig verfolgt das Projekt das Ziel, Oberösterreich als führenden europäischen Standort für personalisierte technische Medizin zu etablieren und gleichzeitig Impulse für Spin-offs, Industriekooperationen und die digitale Transformation des Gesundheitswesens zu setzen.

Durch die enge Verzahnung von Hochschulen, Klinik und Wirtschaft soll personalisierte Medizin nicht nur wissenschaftlich vorangetrieben, sondern auch konkret fĂĽr Patientinnen und Patienten nutzbar gemacht werden.

Präzisionsmedizin aus Wien: Neuer Wirkstoff gegen Lungenkrebs international zugelassen

Ein in Wien entwickelter Wirkstoff zur Behandlung einer genetisch definierten Untergruppe des nicht-kleinzelligen Lungenkrebses hat die Zulassung in den USA, China und Japan erhalten. In Europa befindet sich die Substanz derzeit noch in klinischer Prüfung. Der internationale Zulassungserfolg eröffnet neue Therapieoptionen für rund 40.000 Patientinnen und Patienten weltweit pro Jahr und setzt zugleich ein starkes Signal für den Forschungsstandort Österreich.

Der oral verfügbare Wirkstoff richtet sich gezielt gegen eine spezifische genetische Veränderung, bei der herkömmliche Therapieformen wie Chemo- oder Immuntherapie oft nur eingeschränkt wirksam sind. Die neue Substanz bietet erstmals eine präzisionsmedizinische Behandlungsoption mit Aussicht auf bessere Wirksamkeit und Lebensqualität – insbesondere für Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung.

Entwickelt wurde das MolekĂĽl am Krebsforschungszentrum von Boehringer Ingelheim in Wien. Die erfolgreiche Translation von der Grundlagenforschung zur internationalen Zulassung gilt als Meilenstein: Nur wenige onkologische Wirkstoffe mit Ursprung in Ă–sterreich haben in den vergangenen Jahren diesen Schritt geschafft. Entscheidend war die enge Zusammenarbeit von medizinischer Chemie und biomedizinischer Forschung, um eine hochselektive Hemmung krankheitsrelevanter Zielstrukturen zu erreichen.

Neuer Ansatz gegen Darmkrebs: AIT entwickelt personalisierten Antikörper

Darmkrebs zählt zu den häufigsten Tumorerkrankungen weltweit, doch Standardtherapien erreichen oft nur begrenzte Erfolge und sind für viele Patientinnen und Patienten schwer verträglich. Eine neue Initiative des AIT Austrian Institute of Technology in Kooperation mit dem Forschungsfonds wings4innovation will hier ansetzen und einen maßgeschneiderten Antikörper gegen Darmkrebs entwickeln. Ziel ist es, die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung gezielt in eine personalisierte Therapie zu übersetzen.

Das AIT verfügt über einen Daten- und Probenbestand aus mehr als zehn Jahren Zusammenarbeit mit österreichischen Kliniken. Tausende Patientenproben wurden analysiert – unter anderem DNA-Methylierungsmuster und Auto-Antikörperprofile. Daraus entstand eine Liste von 97 potenziellen Zielproteinen, die für personalisierte Therapien nutzbar sein könnten. In Zusammenarbeit mit wings4innovation wurden diese Zielproteine weiter evaluiert und schließlich ein vielversprechendes Darmkrebs-Target ausgewählt, für das nun ein spezifischer Antikörper entwickelt werden soll.

Das Projekt gilt auch als Modell für eine neue Form der Forschungsfinanzierung: Der Fonds steigt früh im Entwicklungsprozess ein, begleitet das Projekt auf Augenhöhe und unterstützt durch KI-gestützte Analysen und Patientendaten eine schnellere und zielgenauere Wirkstoffentwicklung. Erste Ergebnisse in Tiermodellen werden in etwa drei Jahren erwartet, die Erfolgsaussichten liegen nach Einschätzung der Beteiligten bei 20 bis 30 Prozent – deutlich höher als in klassischen Entwicklungsprozessen.

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