Steigende Ausgaben, wachsende Verantwortung – was der neue AOK-Report für deine tägliche Arbeit bedeutet. Steigende Ausgaben, wachsende Verantwortung – was der neue AOK-Report für deine tägliche Arbeit bedeutet.

Der Heilmittel-Report 2026 für Deutschland: Diese Zahlen solltest du kennen

Steigende Ausgaben, wachsende Verantwortung – was der neue AOK-Report für deine tägliche Arbeit bedeutet.

Seit Jahren wächst der Heilmittelbereich in Deutschland schneller als fast jeder andere Leistungsbereich der gesetzlichen Krankenversicherung. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie werden immer häufiger verordnet, die Ausgaben klettern von Jahr zu Jahr – und trotzdem weiß bislang kaum jemand genau, wie gut die Versorgung eigentlich wirklich ist. Genau an diesem Punkt setzt der Heilmittel-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) an. Er liefert nicht nur neue Zahlen zu den Ausgaben, sondern wirft auch die Frage auf, die für dich als Therapeutin oder Therapeut im Grunde die wichtigste ist: Wie lässt sich eigentlich messen, ob deine Arbeit wirkt?

Wir haben den Report für dich eingeordnet und zeigen dir, welche Erkenntnisse für deinen Praxisalltag relevant sind.


Was ist der Heilmittel-Report 2026 überhaupt?

Der Heilmittel-Report 2026 ist die erste Ausgabe eines neuen Sammelbandes des WIdO, herausgegeben unter anderem von Helmut Schröder, WIdO-Geschäftsführer, und Prof. Dr. Christian Kopkow, Professor für Physiotherapie an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU). Auf rund 23 Kapiteln beleuchten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Kassen und Praxis, wie sich die Qualität der Heilmittelversorgung in Deutschland messen und verbessern lässt. Vorgestellt wurde der Report Anfang Juni 2026 in Berlin.

Im Zentrum stehen drei große Themenfelder: 

  1. die stark steigenden Ausgaben im Heilmittelbereich
  2. die neue Blankoverordnung in der Physiotherapie und Ergotherapie 
  3. mehrere Ansätze, wie sich Versorgungsqualität künftig besser abbilden lässt – etwa über Akademisierung, Leitlinien und die Nutzung von Kassendaten.

Die Ausgaben für Heilmittel steigen seit Jahren rasant

Die nackten Zahlen sind eindrücklich: 2024 haben die gesetzlichen Krankenkassen laut Report knapp 13,3 Milliarden Euro für Heilmitteltherapien ausgegeben. Zehn Jahre zuvor, 2015, waren es noch 6,1 Milliarden Euro – die Ausgaben haben sich also mehr als verdoppelt. Ende 2025 lagen die Ausgaben bereits bei 14,7 Milliarden Euro, ein Plus von 10,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und der Trend hält an: Im ersten Quartal 2026 zeigt die aktuelle Ausgabenstatistik der AOK eine weitere Steigerung von 8,7 Prozent. Damit wächst kaum ein anderer Leistungsbereich der GKV so dynamisch wie der Heilmittelbereich.

Mehrere Faktoren erklären diesen Anstieg. Dazu zählen die bundesweite Angleichung des Vergütungsniveaus für Heilmittel-Erbringer im Jahr 2019 sowie die Entkopplung der Vergütung von der Entwicklung der Grundlohnsumme in den Folgejahren. 

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Mehr zum GKV-Stabilisierungsgesetz

Durch das neue GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz wird diese Entwicklung übrigens wieder revidiert und die Vergütung erneut an die Grundlohnsumme gekoppelt. Man wird also sehen, wie sich diese Veränderung auf den Heilmittelbereich auswirkt, wird man in den Heilmittel-Reports der kommenden Jahre sehen. 

Auch die Ausweitung der Möglichkeiten für langfristige Heilmittel-Therapien spielt eine Rolle: Seit ihrer Einführung 2017 hat sich die Zahl entsprechender Verordnungen bis 2025 fast verfünffacht. Und beim sogenannten Besonderen Versorgungsbedarf für Menschen mit schwerwiegenden oder langfristigen Erkrankungen stieg die Verordnungszahl im selben Zeitraum von 243 auf 704 je 1.000 AOK-versicherte Heilmittel-Patientinnen und -Patienten. Zusammengenommen machten diese beiden Verordnungsformen 2025 rund die Hälfte aller Heilmittelkosten der AOK aus.


Physiotherapie ist der mit Abstand größte Kostenblock

Wenig überraschend für alle, die im Bereich arbeiten: Physiotherapie ist der klare Schwerpunkt der Heilmittelversorgung. Fast 70 Prozent des gesamten Heilmittelumsatzes der GKV entfielen 2024 auf physiotherapeutische Leistungen, bei den abgerechneten Verordnungen liegt der Anteil sogar bei über 82 Prozent. Besonders relevant ist Physiotherapie für ältere Versicherte, während bei Kindern bis 14 Jahren vor allem Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie sowie Ergotherapie im Vordergrund stehen. Für dich bedeutet das: Egal aus welcher Fachrichtung du kommst, die Entwicklungen im Physiobereich prägen die politische und finanzielle Debatte rund um Heilmittel maßgeblich mit.


Blankoverordnung: mehr Freiheit, aber auch mehr Verantwortung

Ein zentrales Thema des Reports ist die Blankoverordnung, die seit 2024 für bestimmte Diagnosen in der Ergotherapie sowie für Physiotherapie bei Erkrankungen im Schultergelenk möglich ist. Nach der ärztlichen Diagnose entscheidest du als Therapeutin oder Therapeut eigenverantwortlich über Heilmittel, Behandlungsfrequenz und Menge der Behandlungen – ein deutlicher Zugewinn an therapeutischer Freiheit.

Die Auswertung im Report zeigt allerdings ein zwiespältiges Bild. Blankoverordnungen machten 2025 zwar nur 2,4 Prozent aller Physiotherapie-Verordnungen aus, im vierten Quartal 2025 wurde aber bereits jede zweite Verordnung bei Schulterbeschwerden als Blankoverordnung ausgestellt. Diese kosteten im Schnitt 714 Euro pro Verordnung – deutlich mehr als die 214 Euro einer klassischen ärztlichen Regelverordnung, vor allem weil sowohl Behandlungsdauer als auch -frequenz höher ausfielen. Ob dieser Mehraufwand den Patientinnen und Patienten tatsächlich einen besseren Behandlungserfolg bringt, ist laut Report bislang nicht ausreichend belegt.

AOK-Vorstandsvorsitzende Dr. Carola Reimann bewertet die neue Therapiefreiheit grundsätzlich positiv, mahnt aber einen verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen an – insbesondere mit der wertvollen Arbeitszeit der Therapeutinnen und Therapeuten. Auch der Berufsverband VDB äußerte sich zum Report: Eine rein kostenbezogene Betrachtung greife zu kurz, da sie die tatsächliche Versorgungsqualität nur unzureichend abbilde.

Politisch ist das Thema aktuell besonders brisant: Der Referentenentwurf zum geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sieht vor, die vereinbarte Mehraufwandspauschale für Blankoverordnungen zu streichen. Die Physiotherapie-Verbände VDB, VPT und IFK halten diesen Schritt für verfrüht und wollen sich in die anstehenden Gesetzesberatungen einbringen – ein Thema, das du in den kommenden Monaten im Blick behalten solltest, falls du selbst mit Blankoverordnungen arbeitest.

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Mehr zur Blankoverordnung

Einen ausführlichen Artikel zur aktuellen Be- und Auswertung der Blankoverordnung findest du demnächst hier im Magazin!


Das eigentliche Problem: Kaum Daten zur Versorgungsqualität

So detailliert die Ausgabenzahlen inzwischen vorliegen, so dünn ist bislang die Datenlage zur tatsächlichen Versorgungsqualität. Anders als in vielen anderen Versorgungsbereichen fehlt es an belastbaren Informationen darüber, ob und wie gut Heilmitteltherapien tatsächlich wirken. Genau das will der Report ändern, indem er mehrere Stellschrauben aufzeigt, an denen sich ansetzen lässt.

🎓 Akademisierung als möglicher Schlüssel

Ein wichtiger Hebel ist aus Sicht der Autorinnen und Autoren die Ausbildungsqualität. Laut Report ist in 82 Prozent der europäischen Länder mindestens ein Bachelorabschluss Voraussetzung für den Beruf als Therapeutin oder Therapeut, in 13 Prozent sogar ein Masterabschluss. Deutschland ist aktuell das einzige Land in Europa, in dem eine reine Berufsausbildung für Physiotherapeutinnen und -therapeuten noch ausreicht. Prof. Dr. Christian Kopkow kritisiert in diesem Zusammenhang den fehlenden politischen Willen für eine Voll-Akademisierung des Berufs und sieht darin eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Heilmittelberufe eine eigenständige Forschungsstruktur aufbauen können – als Basis für evidenzbasierte Therapieentscheidungen und eine bessere interprofessionelle Zusammenarbeit.

Auch das Zusammenspiel zwischen fachschulisch und akademisch ausgebildeten Therapeutinnen und Therapeuten, mit klar aufgeteilten Verantwortlichkeiten, wie es in anderen Ländern längst gelebte Praxis ist, wird im Report als möglicher Weg für Deutschland diskutiert. Kopkow betont zudem, wie wichtig eine gemeinsame, interprofessionelle Ausbildung verschiedener Gesundheitsberufe für eine gelingende Zusammenarbeit im Praxisalltag ist.

📋 Leitlinien sind bekannt, werden aber selten konsequent umgesetzt

Ein zweites zentrales Instrument zur Qualitätsverbesserung sind Leitlinien mit Handlungsempfehlungen für eine evidenzbasierte Versorgung. Mittlerweile sind mehrere Berufsverbände und Fachgesellschaften an ihrer Erstellung beteiligt. Das Problem liegt allerdings weniger in der Existenz der Leitlinien als in ihrer Bekanntheit und Umsetzung im Alltag: In einer bundesweiten Befragung gaben nur rund 30 Prozent der teilnehmenden Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten an, die Nationale Versorgungsleitlinie zum nicht-spezifischen Kreuzschmerz überhaupt zu kennen.

Als Gründe dafür nennt der Report unter anderem Konflikte zwischen Leitlinienempfehlungen und eigener klinischer Erfahrung, Zweifel an der Praxistauglichkeit, fehlende Unterstützung im Arbeitsumfeld, Zeitmangel und mangelnde Vergütungsanreize. Ein guter Anlass für dich, einmal zu prüfen, welche Leitlinien für dein Fachgebiet relevant sind – und wo sich in deinem Praxisalltag vielleicht Lücken zur Umsetzung auftun.

📊 Routinedaten der Krankenkassen als Chance

Ein dritter Ansatz, den der Report beleuchtet, ist die Nutzung von Abrechnungsdaten der Krankenkassen zur Qualitätsmessung. Ein Beispiel liefert das Qualitätsindikatorensystem für die ambulante Versorgung (QISA) von AOK und aQua-Institut: Dort wird ausgewertet, wie viele Patientinnen und Patienten mit anhaltenden Rückenschmerzen und mindestens vierwöchiger Arbeitsunfähigkeit tatsächlich leitliniengerecht Physiotherapie verordnet bekommen. Das Ergebnis: Nur bei knapp der Hälfte der betroffenen Versicherten ist das der Fall. Die Auswertungen werden an die beteiligten Arztpraxen zurückgespiegelt, um mehr Transparenz zu schaffen. Solche Routinedaten-Auswertungen könnten laut WIdO künftig deutlich mehr Licht in die bislang wenig erforschte Versorgungsqualität im Heilmittelbereich bringen.


Was bedeutet das für deine Praxis?

Auch wenn der Heilmittel-Report 2026 in erster Linie ein wissenschaftliches Nachschlagewerk ist, lassen sich einige klare Erkenntnisse für deinen Alltag als Therapeutin oder Therapeut ableiten:

  • Der Kostendruck im Gesundheitssystem wird dich weiter begleiten. Steigende Ausgaben führen erfahrungsgemäß zu politischem Handlungsdruck – aktuell sichtbar an der geplanten Reform der Blankoverordnung und dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz.
  • Therapiefreiheit bedeutet auch Nachweispflicht. Je mehr eigenverantwortliche Entscheidungsspielräume du bekommst, desto wichtiger wird es, deine Behandlungsentscheidungen fundiert und nachvollziehbar zu dokumentieren.
  • Leitlinienwissen lohnt sich doppelt. Es stärkt nicht nur die Qualität deiner Arbeit, sondern könnte langfristig auch politisch an Bedeutung gewinnen, wenn Leitlinientreue stärker in die Qualitätsmessung einfließt.
  • Die Debatte um Akademisierung betrifft die ganze Branche. Auch wenn du selbst über eine Berufsausbildung eingestiegen bist, wird das Thema Qualifikationsniveau die Zukunft therapeutischer Berufe in Deutschland mitprägen.

Was ist der Heilmittel-Report 2026?

Der Heilmittel-Report 2026 ist ein wissenschaftlicher Sammelband des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der die Ausgabenentwicklung im Heilmittelbereich in Deutschland sowie Ansätze zur Messung und Verbesserung der Versorgungsqualität beleuchtet. Er wurde im Juni 2026 vorgestellt.

Wie stark sind die Ausgaben für Heilmittel in Deutschland gestiegen?

Laut Report haben sich die GKV-Ausgaben für Heilmittel innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt – von 6,1 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 14,7 Milliarden Euro Ende 2025. Im ersten Quartal 2026 setzte sich dieser Trend mit einer Steigerung von 8,7 Prozent weiter fort.

Was hat es mit der Blankoverordnung in der Physiotherapie auf sich?

Die Blankoverordnung erlaubt Therapeutinnen und Therapeuten bei bestimmten Diagnosen – etwa Schulterbeschwerden in der Physiotherapie – eigenverantwortlich, über Heilmittel, Behandlungsfrequenz und -menge zu entscheiden. Der Heilmittel-Report 2026 zeigt, dass diese Verordnungen im Schnitt deutlich teurer sind als ärztliche Regelverordnungen, während der zusätzliche Nutzen für Patientinnen und Patienten bislang noch nicht ausreichend belegt ist.

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