Kein klassischer Praxisraum, aber ein Vorbild für heilsame Gestaltung: Auf dem Gelände eines Klosters in Laupheim entsteht mit „Altwerden im Kloster“ ein Pflege- und Wohnquartier, das zeigt, wie Architektur Orientierung, Würde und Wohlbefinden im Alltag älterer und pflegebedürftiger Menschen unterstützen kann. Kein klassischer Praxisraum, aber ein Vorbild für heilsame Gestaltung: Auf dem Gelände eines Klosters in Laupheim entsteht mit „Altwerden im Kloster“ ein Pflege- und Wohnquartier, das zeigt, wie Architektur Orientierung, Würde und Wohlbefinden im Alltag älterer und pflegebedürftiger Menschen unterstützen kann.

Best in Practice | Altwerden im Kloster: Wie ein Seniorenquartier in Laupheim Healing Architecture neu denkt

Kein klassischer Praxisraum, aber ein Vorbild für heilsame Gestaltung: Auf dem Gelände eines Klosters in Laupheim entsteht mit „Altwerden im Kloster“ ein Pflege- und Wohnquartier, das zeigt, wie Architektur Orientierung, Würde und Wohlbefinden im Alltag älterer und pflegebedürftiger Menschen unterstützen kann.

Unsere Serie „Best in Practice“ stellt euch normalerweise Behandlungsräume und Praxiskonzepte von TherapeutInnen vor. Diesmal machen wir eine bewusste Ausnahme: Das Projekt „Altwerden im Kloster“ in Laupheim ist kein klassischer Praxisraum – aber es zeigt in besonders eindrücklicher Weise, wie durchdachte Architektur, Materialwahl und Barrierefreiheit das Wohlbefinden von Menschen tragen können, die dort leben, gepflegt werden oder arbeiten. Für therapeutisch Tätige, die selbst Räume gestalten oder mit vulnerablen Zielgruppen arbeiten, steckt darin jede Menge Inspiration.


Ein Kloster öffnet sich für die Region

Auf dem Gelände des Dreifaltigkeitsklosters in Laupheim in Baden-Württemberg, das über Jahrzehnte vom klösterlichen Leben geprägt war, entsteht seit dem Wettbewerbsentwurf von donhauser postweiler architekten aus dem Jahr 2019 ein neues Kapitel: Gemeinsam mit dem Orden der Steyler Missionsschwestern sowie dem Betreiber illerSENIO entwickelte das Planungsteam ein langfristig ausgelegtes Nutzungskonzept, das Pflege, betreutes Wohnen und klösterliches Leben auf einem Areal zusammenführt. Mit der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts im Jahr 2024 wurde ein Pflegeheim mit 90 Plätzen realisiert, ergänzt um Einheiten für Service-Wohnen – darunter eigene Apartments für die Ordensschwestern. Weitere Bauphasen umfassen zusätzliche Wohnangebote, eine Tagespflege, eine Sozialstation sowie ein Seminarzentrum mit angeschlossenem Tagungshotel. Insgesamt umfasst das Projekt eine Nettogrundrissfläche von rund 11.550 Quadratmetern.

Architektur zwischen Bestand und Neubau

Im räumlichen und emotionalen Zentrum der Anlage stehen weiterhin die historische Kapelle und der Kreuzgang. „Sie bilden als identitätsstiftendes Zentrum gemeinsam mit dem Pflegeheim und dem Service-Wohnen die neue Klosteranlage“, erläutert der projektleitende Architekt Magnus Postweiler. Die Neubauten nehmen diese Ausrichtung auf und fügen sich zu einer klar gegliederten Gesamtstruktur zusammen. Eine neu interpretierte „Klostermauer“ verbindet Pflegeeinrichtung, Service-Wohnen und spirituelle Orte miteinander und schafft zugleich gezielte Öffnungen, die Blickbezüge und Zugänge zwischen Innen- und Außenraum herstellen – ein Prinzip, das auch in kleineren therapeutischen Räumen wirken kann: Übergänge sichtbar und begehbar zu machen, statt sie zu verschließen.

Fassade und Innenräume setzen auf eine helle, zeitgemäße Architektursprache. Über einem sandfarbenen Sockel im Erdgeschoss erheben sich die Obergeschosse mit einer Holzfassade, deren natürliche Oberfläche dem Bau eine warme und freundliche Ausstrahlung verleiht. Großzügige Fensteröffnungen lassen Tageslicht tief in die Räume und stärken die Beziehung zur umgebenden Parklandschaft, während Balkone zusätzliche Aufenthaltsqualitäten schaffen.

Holz, Grün und offene Wege als Orientierungshilfe

Im Inneren setzt sich diese Atmosphäre konsequent fort: Holzelemente in Böden, Raumteilern und Wandflächen treffen auf ein ruhiges Farbkonzept aus Grün- und Grautönen. Offen angelegte Gemeinschaftsbereiche mit Sitzgelegenheiten fördern Begegnung und Orientierung im Alltag, während die Bewohnerzimmer als private Rückzugsräume gestaltet sind – ihre Nasszellen wurden in Holzmodulbauweise vorgefertigt. Breite, lichtdurchflutete Flure mit gezielten Blickachsen strukturieren das Gebäude und unterstützen dessen offene räumliche Organisation. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist genau das entscheidend: klare Wegeführung, wiederkehrende Materialien und Licht als Orientierungssystem, nicht nur als Stimmungselement.

Auch draußen bleibt das Konzept konsequent: Die Gebäude fügen sich behutsam in die bestehende Parkanlage ein, deren Grünflächen als Aufenthalts- und Begegnungsorte dienen. Ein Vorplatz vor der Kapelle stärkt zusätzlich die Verbindung zum umgebenden Wohnquartier. Ein geschützter Innenhof, gefasst von einer umlaufenden Holzfassade, bietet zudem einen ruhigen Rückzugsort mit hoher Aufenthaltsqualität – ein kleines, aber wirkungsvolles Prinzip: geschützte Außenräume schaffen, die trotzdem Teil des Alltags bleiben.

In den Gemeinschaftsbereichen setzen runde Deckenöffnungen und eine zurückhaltende Lichtplanung eigene Akzente, während bodentiefe Verglasungen die Aufenthaltsräume optisch weiten. Textile Wandbespannungen und grün bezogene Sitznischen laden zum Verweilen ein und sorgen – ähnlich wie in gut gestalteten Wartebereichen von Praxen – dafür, dass ein Raum nicht nur funktional, sondern auch emotional als sicher und einladend erlebt wird.

Barrierefreiheit als Gestaltungsprinzip im Sanitärbereich

Ein zentraler Baustein des Entwurfs ist die konsequent barrierefreie Ausstattung der Sanitärräume. Zum Einsatz kommen Systemlösungen von HEWI, die speziell für Pflege- und Care-Bereiche entwickelt wurden. Überwiegend in mattem Schwarz gehalten, fügen sich die Komponenten präzise in das reduzierte Innenraumkonzept ein und unterstreichen die durchgängige gestalterische Linie im Gebäude.

Im Duschbereich sorgen bodengleiche Übergänge und präzise integrierte Ausstattungselemente dafür, dass Pflegehandlungen ohne unnötige Barrieren ablaufen können, ergänzt um den mobilen Duschhocker der Serie LifeSystem für flexible, möglichst selbstständige Nutzung.

Das Ergebnis ist eine Umgebung, die Sicherheit, Komfort und Selbstständigkeit der BewohnerInnen unterstützt – und zugleich die Abläufe im Pflegealltag erleichtert. Ein Beispiel dafür, dass Barrierefreiheit und ästhetischer Anspruch sich nicht ausschließen müssen, sondern im Idealfall Hand in Hand gehen: eine Erkenntnis, die auch für die Gestaltung barrierearmer Behandlungsräume in Therapiepraxen relevant ist.

Nachhaltigkeit als Teil der Fürsorge

Auch energetisch ist das Projekt auf Dauerhaftigkeit ausgelegt: Luftwärmepumpen und Photovoltaik decken einen Großteil des Energiebedarfs, moderne Gebäudetechnik steuert die Energieflüsse effizient, auf fossile Brennstoffe wird verzichtet. Nachhaltigkeit zeigt sich zudem im architektonischen Umgang mit dem Bestand – etwa im Erhalt prägender Bauteile wie Kapelle und Kreuzgang sowie in der Nachverdichtung innerhalb vorhandener Infrastruktur.

Was TherapeutInnen aus diesem Projekt mitnehmen können

„Altwerden im Kloster“ zeigt exemplarisch, wie sich soziale Infrastruktur funktional durchdacht, barrierefrei und zugleich atmosphärisch gestalten lässt – konsequent ausgerichtet auf die Bedürfnisse jener Menschen, die dort leben und arbeiten. Für die eigene Praxisgestaltung lassen sich daraus einige Prinzipien ableiten, unabhängig von Größe und Budget:

  • Orientierung durch Materialien und Licht statt ausschließlich durch Beschilderung schaffen.
  • Barrierefreiheit als gestalterische Aufgabe begreifen, nicht als nachträgliche Pflichtlösung.
  • Natürliche Materialien wie Holz gezielt einsetzen, um Räume trotz funktionaler Anforderungen warm und einladend wirken zu lassen.
  • Rückzug und Begegnung bewusst räumlich trennen und gleichzeitig verbinden.

Ein Projekt dieser Größenordnung ist mit einer therapeutischen Praxis natürlich nicht eins zu eins vergleichbar. Doch der Grundgedanke – dass Architektur aktiv zum Wohlbefinden und zur Selbstständigkeit der Menschen beitragen kann, die einen Raum nutzen – lässt sich auf jede Praxisgröße übertragen.

Header © Gandalf Hammerbacher