Callwey zeichnet zum zweiten Mal Bauten aus, die Körper und Seele gut tun – hier findest du Jury, Preisträger und Anerkennungen im Überblick.
Ein Blick aus dem Krankenzimmer auf ein paar Bäume: Das klingt nach Wellness-Versprechen, ist aber wissenschaftlich gut untersucht. Der US-amerikanische Umweltpsychologe Roger Ulrich verglich schon in den 1980er-Jahren Patientinnen und Patienten nach einer Gallenblasenoperation. Wer vom Bett aus ins Grüne sah, brauchte weniger starke Schmerzmittel und durfte früher nach Hause als die Vergleichsgruppe mit Blick auf eine Ziegelwand. Seitdem wissen wir: Räume sind kein neutraler Hintergrund, sondern ein Teil der Behandlung.
Genau darum geht es beim Healing Architecture Award des Callwey Verlags, der 2026 zum zweiten Mal vergeben wurde. Ausgezeichnet werden Bauten und Interiors, die zu Genesung, Orientierung und Lebensqualität ihrer Nutzerinnen und Nutzer beitragen. Das Besondere am diesjährigen Jahrgang: Gesundheit wird inzwischen ganz selbstverständlich als Entwurfsaufgabe verstanden. Tageslicht, Akustik, Materialität und der Bezug zur Natur kommen nicht erst am Ende dazu, sondern tragen den Entwurf von Anfang an. Aus allen Einreichungen hat die Jury 50 Projekte ausgewählt. Darunter finden sich ein 1. Preis, fünf Anerkennungen und ein Fotografiepreis. Dazu kommt der Sonderpreis Architects’ Choice für Produkte, bei dem es einen ersten Platz und vier weitere Auszeichnungen gab.
Inhalt
- Die Jury: Medizin, Journalismus und Architektur am Tisch
- Healing Architecture – Der 1. Preis: Ein Zuhause auf Zeit neben der Klinik
- Healing Architecture – Die fünf Anerkennungen
- Der Fotografiepreis: Architektur mit Ruhe gelesen
- Architects’ Choice: Produkte, die Räume heilen helfen
- Noch mehr Preisträger: Drei weitere Callwey Awards
Die Jury: Medizin, Journalismus und Architektur am Tisch
Dass Gesundheitsbau mehr ist als Bauen, spiegelt sich auch in der Besetzung der Jury wider:
- Univ.-Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel, Chirurg und Vorstandsvorsitzender
- Prof. Dr. Jochen A. Werner, Direktor des Instituts Mensch & Medizin der Zukunft
- Dr. Oliver Herwig, Journalist, Autor und Dozent für Designtheorie an der Kunstuniversität Linz
- Arian Lehner, Chefredakteur von architektur.aktuell
- Monika Purschke, Partnerin bei Albert Wimmer Architekten und Vorjahressiegerin
Healing Architecture – Der 1. Preis: Ein Zuhause auf Zeit neben der Klinik
Patienten- und Angehörigenhaus mit Rehazentrum beim Universitätsklinikum Regensburg – Blasch Heie Architekten




Wer wochenlang zur Behandlung in der Klinik bleiben muss, ist oft weit weg von der Familie. Hier setzt das Haus der Leukämiehilfe Ostbayern an: Es steht in unmittelbarer Nähe zum Universitätsklinikum Regensburg und bietet 18 Wohneinheiten, in denen Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen zusammenbleiben können. Seit 2018 ist es in Betrieb und galt damals als bundesweites Pilotprojekt.
Das Büro Blasch Heie Architekten setzte dabei auf den menschlichen Maßstab, natürliche Materialien und Übersichtlichkeit. Das Spiel von Licht, Sonne und Schatten sowie die umgebende Natur sollen Emotionen wecken. Für Jurorin Monika Purschke ist das Haus „ein Ort der Hoffnung, der Ruhe und der menschlichen Würde“. Es geht also weit über seine rein funktionale Aufgabe hinaus.
Healing Architecture – Die fünf Anerkennungen
Kinderarztpraxis mit Wasserwelt in Wien – M & G Innenarchitektur und Bauplanung




Auch kleine Räume können viel bewirken. Beim Ärztehaus Schumanngasse erweiterte Mayr & Glatzl eine bestehende Kinderarztpraxis in Wien um neue Flächen und führte das etablierte Thema „Wasserwelt“ weiter. Ein in Wellenform verlegter Kautschukboden zieht sich durch die Räume, gefräste Korallenformen setzen Akzente an den Wänden, und runde Fenster in den Türen zitieren Bullaugen. Blau, Sandbeige und ein wenig Korallrot bestimmen die Farbwelt, dazu kommen Einbaumöbel mit Sitznischen. Das Ergebnis: eine Praxis, in der sich kleine Patientinnen und Patienten sicher und geborgen fühlen sollen.
Kinder- und Jugendpsychiatrie als Dorf in Graz – NOW Architektur und Architekt DI Tinchon




Die Erweiterung der Kinder- und Jugendpsychiatrie am LKH Graz II Süd von NOW Architektur und Architekt DI Reinhold Tinchon übersetzt die Idee eines kleinen Dorfes in den durchgrünten Klinikcampus: mehrere ein- und zweigeschossige Pavillons, ein Dorfplatz im Zentrum und eine großzügige Avenue, die Neubau und Bestand verbindet. Ziel war eine Atmosphäre, die nicht nach Krankenhaus aussieht, sondern Geborgenheit ausstrahlt und alle Sinne anspricht. Nach den Planungen von NOW Architektur geht es in der Psychiatrie besonders darum, Stress durch Enge, Orientierungslosigkeit oder fehlenden Rückzug zu vermeiden.
Fractal Chapel in Graz – INNOCAD architecture




Auf nur 35 Quadratmetern entstand im LKH-Univ. Klinikum Graz ein Raum, der Ruhe in den Klinikalltag bringt: die evangelische Lukas-Kapelle. Die Fractal Chapel ist acht Meter hoch, ein spiralförmig verlaufender, perforierter Schirm lässt Licht und Schatten durch den Raum wandern. Die fraktalen Muster entstanden gemeinsam mit dem Designstudio 13&9 Design und dem Physiker Richard Taylor von der University of Oregon, der erforscht, wie Menschen auf diese Strukturen aus der Natur reagieren. Laut INNOCAD kann der Anblick von Fraktalen das Stresslevel um bis zu 60 Prozent senken. Als Altar dient ein umgedrehter Wurzelstock eines Walnussbaums des Künstlers Manfred Erjautz. Architekt Martin Lesjak sieht die Besonderheit des Projekts im gleichberechtigten Zusammenspiel von Wissenschaft, Architektur, Kunst und Design. Übrigens: Die Kapelle wurde 2025 beim World Architecture Festival auch als „World Interior of the Year“ ausgezeichnet.
Zentrum für Gesundheit Gengenbach – Caruso Architekten




Nach dem Rückbau des alten Krankenhauses entstand in der Nähe der historischen Altstadt von Gengenbach das Zentrum für Gesundheit: ein Pflegeheim mit 90 Zimmern, medizinische Praxen und eine Bäckerei. Gemeinsam mit dem denkmalgeschützten „Alten Spital“ bildet der fast quadratische Neubau von Caruso Architekten BDA einen lärmgeschützten Innenbereich mit hoher Aufenthaltsqualität. Vorgelagerte Balkone erweitern die Bewohnerzimmer, die Fassade kombiniert regionale Weißtanne mit Sichtbeton, und perforierte Elemente, deren Muster von Baumstrukturen inspiriert sind, schaffen einen Naturbezug. Bauherr ist das Ortenau Klinikum. Auch der German Design Award zeichnete das Projekt aus.
Kao-Ho Hospital in Taiwan – schneider+schumacher




Einmal um die halbe Welt: In Kaohsiung im Süden Taiwans plante das Frankfurter Büro schneider+schumacher das Kao-Ho Hospital, das auf Prävention, integrative Medizin und Krebsbehandlung spezialisiert ist. Um ein achtstöckiges Atrium und einen begrünten Innenhof mit Palmen legt sich eine Fassade aus siebbedrucktem Glas, die das ganze Haus umhüllt. Von jedem Geschoss aus fällt der Blick auf Pflanzen. Nachts leuchtet der Bau als heller Kubus aus dem Stadtbild. Architekt Till Schneider beschreibt die Wirkung als ruhig, wohlbefindensfördernd und heilungsunterstützend.
Der Fotografiepreis: Architektur mit Ruhe gelesen

Gute Gesundheitsbauten wirken nur dann über ihre Mauern hinaus, wenn man sie auch sieht. Der Fotografiepreis geht deshalb an David Franck. Der 1967 in Stuttgart geborene Fotograf arbeitet seit 1995 selbstständig von Ostfildern bei Stuttgart aus und hat sich auf Architektur, Werbung und Reportage spezialisiert. Seine Bilder waren unter anderem bei der Architekturbiennale in Venedig zu sehen. Laudator Arian Lehner würdigt eine Arbeit, die Architektur mit großer Genauigkeit liest und mit ebenso großer Ruhe in Bilder übersetzt.
Mehr über den Fotografen erfährst du auf seiner Website.
Architects’ Choice: Produkte, die Räume heilen helfen
Ein Gebäude besteht nicht nur aus Entwurf, sondern auch aus vielen Details: Böden, Leuchten, Beschlägen. Deshalb vergibt Callwey zusätzlich den Preis „Healing Architecture – Architects’ Choice“ an Unternehmen, deren Produkte einen wichtigen Beitrag zu gelungenen Projekten leisten.
1. Preis: Barbie × HEWI – HEWI Heinrich Wilke GmbH

Pink im Bad? Ja, und zwar mit System. Die Kollektion Barbie x HEWI umfasst fast 40 Sanitärprodukte, von Handtuchhaltern über WC-Bürstengarnituren bis zu Stützklappgriffen und einem Klappsitz, der bis 150 Kilogramm belastbar ist. Sie verbindet die reduzierte HEWI-Formensprache der Serie 477/801 mit der Farbwelt von Barbie. Das Unternehmen versteht die Kollektion ausdrücklich als Beitrag zu Inklusion und Universal Design, auch für barrierefreie Gesundheitsräume.
Weitere Auszeichnungen

LOOPS – Insel Gruppe AG: Im Anna-Seiler-Haus am Berner Inselspital bewegen sich 24 beleuchtete Ringe durch ein 23 Meter hohes Atrium, angetrieben von 48 maßgefertigten Servowinden. Das Konzept stammt von Studio Banana, die kinetische Installation setzte MKTengineering um. Die Ringe folgen den Rhythmen der Menschen im Haus.

FORMPARK QUADRATO – Bauwerk Group Deutschland GmbH: In der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen (Schweiz) liegt das Eichenparkett im Würfelverband. Im Haus T von Scheitlin Syfrig Architekten, das in vorgefertigter Holzbauweise für rund 60 Patientinnen und Patienten entstand, sorgt es für eine wohnliche, ruhige Atmosphäre und dämpft Geräusche.

LAMELLA – Le Klint: Die Leuchtenserie Lamella ist Teil des Livsrum Cancer Care Centre in Herlev bei Kopenhagen. Das Beratungszentrum von Cornelius Vöge ist nach dem Anspruch gebaut, ein Ort zu sein, an dem man sich gesund fühlen kann, auch wenn man schwer krank ist.

BKB – Bolon: Der Bodenbelag des schwedischen Herstellers kommt im Kinderspital Zürich von Herzog & de Meuron zum Einsatz. Dort sind 114 Patientenzimmer wie kleine Holzhäuser auf dem Dach angeordnet. Jacques Herzog fasst die Haltung dahinter so zusammen: „Architektur kann zur Heilung beitragen.“
Das Buch zum Award: Healing Architecture 2026

Alle Projekte, die es in die Auswahl geschafft haben, und alle Preisträger präsentiert das Buch zum Wettbewerb. Es versammelt Gebäudeporträts mit Fotografien, detailliertem Planmaterial und Projektanalysen und versteht sich als Nachschlagewerk für Trends in der Gesundheitsarchitektur.
Herausgeber: Prof. Dr. Jochen A. Werner und Dr. Oliver Herwig
Umfang: 336 Seiten
ISBN: 978-3-7667-2903-3
Preis: 98 Euro
Noch mehr Preisträger: Drei weitere Callwey Awards
Parallel zum Healing Architecture Award hat Callwey drei weitere Wettbewerbe entschieden, die auch spannend für dich sein könnten:
Best of Interior 2026: Zum zwölften Mal wurden Wohnkonzepte ausgezeichnet. Den 1. Preis erhielt Ewich Innen Architektur, zum Newcomer des Jahres wurde The Architecture Company gekürt.
Häuser des Jahres 2026: Unter 50 ausgezeichneten Einfamilienhäusern überzeugte das Holzhaus Maison Imho von Stern Zürn Architekten in Riehen (Schweiz) am meisten.
Wohnbauten des Jahres 2026: Beim Thema bezahlbarer, dichter und lebenswerter Wohnraum liegt „Werte | Wandel | Wohnen am Wacholderweg“ von bfstudio vorn.
Stöber gern in allen Siegerprojekten – vielleicht findest du dort genau die Inspiration für dein nächstes Projekt.
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