Therapeutische Begleitung im Schulalltag: Wie unterschiedliche Fachrichtungen einen Ort mitgestalten, an dem wir alle einmal groß geworden sind
Erinnerst du dich noch an deinen ersten Schultag? An die Aufregung, die viel zu schwere Schultasche, die fremden Gesichter? Für die meisten von uns war Schule ein Ort mit zwei Gesichtern: mal Abenteuerspielplatz, mal Bühne für die größten Ängste unseres jungen Lebens. Genau diese Doppelrolle macht Schule zu einem der komplexesten Lebensräume überhaupt – komplexer jedenfalls, als es der Stundenplan vermuten lässt.
Schülerinnen und Schüler verbringen dort nicht nur Unterrichtszeit, sondern auch Beziehungszeit: mit Gleichaltrigen, mit Lehrkräften, mit sich selbst und den eigenen Erwartungen. Lehrkräfte wiederum stehen stundenlang mit ihrer Stimme, ihrem Rücken und ihren Nerven im Einsatz – oft, ohne dass jemand fragt, wie es ihnen dabei eigentlich geht. Und mittendrin: Eltern, die zwischen Elternabend, Schulnoten-Drama und eigenen Sorgen das tägliche Leben jonglieren.
Kein Wunder also, dass sich in den letzten Jahren ein ganzes Bündel an therapeutischen Disziplinen dem Lebensraum Schule zugewandt hat. Nicht als Ersatz für Schulpsychologie oder Schulsozialarbeit, sondern als Ergänzung – dort, wo punktuelle Angebote an ihre Grenzen stoßen und es kontinuierliche Begleitung braucht. Schauen wir uns an, wer da mit welchem Werkzeugkoffer anrückt.
Inhalt
- Quick-Read
- Psychologie und Gesundheitspsychologie: der Blick aufs große Ganze
- Psychotherapie: Begleitung, die trägt
- Logopädie: Wenn die Stimme zum Berufswerkzeug wird
- Ergotherapie: Feinmotorik, Konzentration und der Arbeitsplatz Schulbank
- Physiotherapie: Bewegung gegen den Sitzalltag
- Diätologie und Ernährungsberatung: Was auf den Tisch – und in die Jausenbox – kommt
- Musiktherapie und Kunsttherapie: Ausdruck jenseits von Worten
- Ein Lebensraum, viele Perspektiven
- FAQs zum Thema Therapie im Lebensraum Schule
Quick-Read
Du hast gerade wenig Zeit, möchtest aber trotzdem kompakt alles über Therapie im Lebensraum Schule erfahren? Dann nutze Quick-Read – für Wissen on the go 💡💜
Schule ist weit mehr als Unterricht – sie ist ein eigener Lebensraum, in dem Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer wachen Zeit verbringen und in dem Lehrkräfte täglich an ihre körperlichen und psychischen Grenzen kommen. Statt punktueller Einzelangebote braucht es hier ein Zusammenspiel unterschiedlicher therapeutischer Fachrichtungen, die einander ergänzen: von psychologischer Beratung über Logopädie bis zu Ergo-, Physio- und Kunsttherapie. So wird Schule zu einem Ort, an dem gesundheitliche und psychische Themen frühzeitig erkannt, begleitet und aufgefangen werden können. (Weiterlesen …)
- Psychologie und Psychotherapie: Von Schulangst, Prüfungsangst und Mobbingprävention bis zu Elternberatung und Krisenintervention reicht das Spektrum – dazu kommt eine wichtige Früherkennungsfunktion: Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen zeigen sich oft erstmals in Kindheit und Pubertät, und Schulpsychologinnen können hier rechtzeitig weiterleiten. Best Practice: fit4SCHOOL des ÖBVP.
- Logopädie: Kindliche Sprachentwicklung und Mehrsprachigkeit treffen hier auf ein zweites, oft unterschätztes Thema: die Stimmgesundheit von Lehrkräften, die berufsbedingt deutlich häufiger an Stimmstörungen erkranken. Best Practice: das Weingartner Präventionsmodell für Lehramtsstudierende.
- Ergotherapie: Feinmotorik, Konzentration und exekutive Funktionen stehen im Mittelpunkt – aktuell fehlt in Österreich jedoch noch ein struktureller Anspruch auf Ergotherapie direkt in der Schule. Best Practice: das Positionspapier von Ergotherapie Austria.
- Physiotherapie: Haltung, Bewegung und Ergonomie im Klassenzimmer werden besonders in Wachstumsphasen wichtig, wenn Wachstumsschmerzen, Fehlstellungen oder Skoliose zum ohnehin fordernden Schulalltag hinzukommen. Best Practice: das Grazer Projekt „moving’s cool“.
- Diätologie: Gesunde Jause, Ernährungskompetenz und die sensible Prävention von Essstörungen gehören hier ebenso dazu wie die Gesundheitsförderung für Lehrkräfte. Best Practice: das niederösterreichische Projekt „Jausenküche“.
- Musiktherapie und Kunsttherapie: Beide Fachrichtungen bieten einen nonverbalen, kreativen Zugang zu Emotionen, sozialer Interaktion und belastenden Erfahrungen. Best Practices: „TrommelPower“ zur Gewaltprävention und ART HELPS in Stuttgart.
Psychologie und Gesundheitspsychologie: der Blick aufs große Ganze

Wenn es um psychische Gesundheit im Schulalltag geht, ist die Psychologie meist die erste Anlaufstelle – und das aus gutem Grund. Ihr Angebot ist breit gefächert und reicht weit über die klassische Beratung hinaus.
Auf Seiten der Schülerinnen und Schüler steht oft die psychologische Beratung im Zentrum: Schulangst, Prüfungsangst und der berühmt-berüchtigte Leistungsdruck sind Dauergäste im Schulalltag, die sich mit gezielten Interventionen deutlich abmildern lassen. Resilienztrainings helfen dabei, dass junge Menschen auch dann noch handlungsfähig bleiben, wenn der Notendurchschnitt gerade nicht mitspielt. Soziale Kompetenztrainings und Mobbingprävention setzen an der Klassendynamik an – denn Mobbing entsteht selten im luftleeren Raum, sondern in Gruppen, die (noch) nicht gelernt haben, respektvoll miteinander umzugehen. Und wenn doch einmal ein belastendes Ereignis die Schulgemeinschaft erschüttert, sind Psychologinnen und Psychologen für die Krisenintervention gefragt – ruhig, strukturiert und mit einem klaren Plan, wann welcher nächste Schritt folgt.
Doch die Zielgruppe endet nicht bei den Kindern. Elternberatung hilft, wenn zu Hause die Nerven blank liegen – etwa weil ein Kind sich plötzlich weigert, morgens aus dem Bett zu kommen, oder weil ein Elternabend zur emotionalen Belastungsprobe wird. Die Beratung von Lehrkräften im Umgang mit psychischen Belastungen wiederum adressiert eine Berufsgruppe, die selbst viel zu selten im Fokus steht, obwohl sie tagtäglich mit den Emotionen von 25 unterschiedlichen jungen Menschen gleichzeitig jonglieren muss. Genau hier setzt auch die Gesundheitspsychologie an: betriebliche Gesundheitsförderung für Schulen, Stressmanagement und Burnout-Prävention für Lehrkräfte, Programme zu Schlaf und Regeneration sowie eine gesundheitsfördernde Schulentwicklung insgesamt. Denn eine Schule, die die Gesundheit ihres Personals ernst nimmt, überträgt diese Haltung fast automatisch auch auf ihre Schülerinnen und Schüler.
In der Schulpsychologie geht es aber längst nicht mehr nur um schulbezogene Themen wie Prüfungsangst oder Konflikte in der Klasse. Depressionen, allgemeine Angststörungen oder Essstörungen zeigen sich nicht erst im Erwachsenenalter, sondern nehmen ihren Anfang oft schon in der späten Kindheit und Pubertät – also genau in jener Lebensphase, die junge Menschen größtenteils in der Schule verbringen. Damit wird die Schule zu einem Ort, an dem beginnende psychische Erkrankungen häufig überhaupt erst sichtbar werden: in einem plötzlichen Rückzug, in nachlassender Konzentration, in Veränderungen im Essverhalten oder im sozialen Miteinander. Lehrerinnen und Lehrer im Austausch mit Schulpsychologinnen und Schulpsychologen übernehmen hier eine wichtige Scharnierfunktion. Sie sind oft die ersten Fachpersonen, denen solche Anzeichen auffallen, und können junge Menschen und ihre Familien in weiterer Folge an niedergelassene PsychotherapeutInnen, Kinder- und JugendpsychiaterInnen oder andere spezialisierte Stellen weiterleiten. Diese frühe Einordnung und Weiterleitung ist keine Nebensache, sondern kann entscheidend dafür sein, wie rasch junge Menschen die passende Unterstützung erhalten.
Genau hier setzt auch die Gesundheitspsychologie an: Betriebliche Gesundheitsförderung für Schulen, Stressmanagement und Burnout-Prävention für Lehrkräfte, Programme zu Schlaf und Regeneration sowie eine gesundheitsfördernde Schulentwicklung insgesamt. Denn eine Schule, die die Gesundheit ihres Personals ernst nimmt, überträgt diese Haltung fast automatisch auch auf ihre Schülerinnen und Schüler.
In der Praxis: fit4SCHOOL des ÖBVP
Ein Paradebeispiel dafür, wie psychologische und psychotherapeutische Unterstützung niederschwellig direkt im Schulalltag ankommt, ist die Initiative fit4SCHOOL des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP). Der Ausgangspunkt ist ernüchternd nüchtern: Zwar gibt es an Schulen ein Unterstützungsnetz aus SchulärztInnen, SchulsozialarbeiterInnen und SchulpsychologInnen – diese stehen jedoch meist nur punktuell zur Verfügung, während es häufig längere kontinuierliche Unterstützung braucht, um SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern nachhaltig zu entlasten und psychischen Folgeerkrankungen vorzubeugen.
fit4SCHOOL setzt genau hier an: Durch eine verstärkte Kooperation zwischen Schulen und PsychotherapeutInnen sowie allen Stakeholdern der Schule soll ein möglichst niederschwelliger und kostenloser Zugang zu psychotherapeutischer Beratung ermöglicht werden, direkt vor Ort, als rasche erste Hilfe im Lebensraum Schule selbst. Konkret bedeutet das: SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen können werktags von 14.00 bis 15.00 Uhr über eine eigene Hotline kostenlose, anonyme und vertrauliche psychotherapeutische Beratung in Anspruch nehmen. Ergänzt wird das Angebot durch Kooperationspartner wie eine Webplattform mit psychoedukativen Erklärvideos für Kinder und Jugendliche. Ein schönes Beispiel dafür, wie aus einer punktuellen Idee ein verlässliches, gut vernetztes Angebot wird.
Psychotherapie: Begleitung, die trägt
Wo die psychologische Beratung ansetzt, geht die Psychotherapie oft noch einen Schritt weiter – vor allem dort, wo eine intensivere und länger andauernde Begleitung notwendig ist. Für Kinder und Jugendliche mit entsprechendem Bedarf kann das eine therapeutische Begleitung sein, wie sie je nach Setting im schulischen Rahmen möglich ist. Gruppenangebote zu Emotionen, Selbstwert oder Angstbewältigung nutzen dabei bewusst die Dynamik der Peergroup: Es tut gut zu merken, dass man mit der eigenen Unsicherheit nicht allein ist.
Auch die Unterstützung bei Verhaltensauffälligkeiten gehört in dieses Feld – oft in enger Abstimmung mit Lehrkräften, die im Schulalltag die ersten Signale bemerken. Und in einer Zeit, in der wir zunehmend sensibler für die Auswirkungen belastender Erfahrungen werden, gewinnt die traumapädagogische beziehungsweise traumatherapeutische Begleitung an Bedeutung: Schule kann für traumatisierte Kinder ein sicherer Ort sein – oder ein täglicher Trigger. Welche der beiden Optionen zutrifft, hängt maßgeblich davon ab, ob das Personal vor Ort geschult und unterstützt ist. Auch hier zeigt fit4SCHOOL, wie eine niederschwellige psychotherapeutische Anlaufstelle direkt in den Schulalltag hineinwirken kann, statt Betroffene erst auf lange Wartelisten zu setzen.
Somatic Experiencing
Trauma sitzt nicht nur im Kopf – es sitzt im Körper. Somatic Experiencing nach Peter Levine hilft dabei, festsitzende Stressenergie zu lösen und das Nervensystem nachhaltig zu regulieren. Wir erklären dir, wie die Methode funktioniert, was sie von anderen Therapieformen unterscheidet und wie du erste Prinzipien zu Hause ausprobieren kannst.
Logopädie: Wenn die Stimme zum Berufswerkzeug wird
Kaum eine Fachrichtung hat im Lebensraum Schule ein derart doppeltes Mandat wie die Logopädie: Sie kümmert sich um die Sprachentwicklung der Kinder – und um die Stimmen jener, die tagtäglich vor der Klasse stehen.
Bei den Schülerinnen und Schülern reicht das Spektrum von der Behandlung kindlicher Sprach-, Sprech- und Kommunikationsstörungen bis zur Beratung bei Mehrsprachigkeit, die in vielen Klassenzimmern Alltag ist. Bei den Lehrkräften wiederum rückt zunehmend die Stimme selbst in den Fokus – über Stimmprävention, Stimmtraining und Workshops zur gesunden Stimme im Schulalltag. Und das aus gutem Grund: Lehrkräfte erkranken im Laufe ihres Berufslebens zwei- bis dreimal häufiger an Stimmstörungen als Menschen in anderen Berufen, weil sie tagein, tagaus gegen Lärm ansprechen – im Pausenhof, in der Turnhalle, in der unruhigen Klasse nach der großen Pause.
In der Praxis: Das Weingartner Präventionsmodell für Lehramtsstudierende
Wie systematisch sich Stimmprävention schon im Studium verankern lässt, zeigt ein Modell, das beim 54. Logopädie-Kongress des Deutschen Bundesverbands für Logopädie (dbl) im Juni 2026 in Weimar vorgestellt wurde: das Weingartner Präventionsmodell von Kerstin Hillegeist und Fabian Thomas von der Pädagogischen Hochschule Weingarten.
Der Ausgangspunkt ist eine bildungspolitische Besonderheit: Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland in Deutschland, in dem Sprecherziehung im Lehramtsstudium verpflichtend ist – und das bereits seit 1962, allerdings mit einem Umfang, der auf eine einzige Semesterwochenstunde beschränkt ist. Genau diese eine Stunde haben Hillegeist und Thomas zum Ausgangspunkt eines mehrstufigen Modells gemacht – begünstigt durch eine weitere Besonderheit des Standorts: Seit dem Wintersemester 2014/15 gibt es an der PH Weingarten auch einen Logopädie-Studiengang, wodurch Logopädie-Studierende das Stimmscreening für Lehramtsstudierende durchführen und dabei selbst von der diagnostischen Erfahrung profitieren – eine Konstellation, bei der beide Studiengänge gewinnen.
Das Modell selbst ruht auf vier Säulen. Den Auftakt macht ein Online-Self-Assessment gleich zu Studienbeginn, angelehnt an den Voice Handicap Index, aber auf den präventiven Kontext des Lehrberufs zugeschnitten. Es folgt im ersten Semester das Stimm- und Sprechscreening: In einem standardisierten 20-minütigen Verfahren – 15 Minuten Screening, 5 Minuten Erstberatung – erfassen Logopädie-Studierende Tonus, Atmung, Artikulation, Sprachkultur, Prosodie und Kommunikationsverhalten, ausgewertet unter anderem mit der GRBAS-Skala und der Software VoxPlot. Die dritte Säule ist schließlich die verpflichtende Semesterwochenstunde Stimm-, Sprech- und Kommunikationstraining in Kleingruppen, ergänzt um eine vierte, freiwillige Säule: einen digitalen Online-Kurs zur Stimmhygiene, der sich noch im Aufbau befindet.
Die Zahlen dahinter sprechen für sich: Aus einer Masterarbeit auf Basis von Umfragen unter 70 Studierenden geht hervor, dass 85 Prozent das verpflichtende Screening befürworten und 98 Prozent stimmliche Gesundheitsförderung als wichtig erachten. Und in der bereits über 1.200 Screenings umfassenden Datenbank zeigt sich, warum frühe Prävention so wichtig ist: Rund 37 Prozent der Studierenden weisen nach der GRBAS-Skala Auffälligkeiten auf, beim umfassenderen Stimmscreening liegt der Anteil sogar bei über 60 Prozent. Ein Modell, das zeigt: Wer die Stimme von Lehrkräften schützen will, sollte nicht erst im Referendariat damit anfangen, sondern am besten schon in der ersten Semesterwoche des Lehramtsstudiums.
Ergotherapie: Feinmotorik, Konzentration und der Arbeitsplatz Schulbank

Während sich Psychologie und Logopädie oft mit dem beschäftigen, was gesagt oder gefühlt wird, richtet die Ergotherapie den Blick auf das, was Hände, Aufmerksamkeit und Nervensystem im Schulalltag leisten müssen. Und das ist mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Die Förderung der Feinmotorik und speziell der Grafomotorik – also des Schreibens – gehört zu den Klassikern, sind doch Stift und Heft nach wie vor zentrale Werkzeuge im Klassenzimmer. Wer beim Schreiben immer wieder verkrampft oder unleserlich wird, profitiert oft enorm von gezielter ergotherapeutischer Unterstützung. Ähnlich verhält es sich mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsproblemen: Ergotherapie setzt hier nicht nur symptomatisch an, sondern arbeitet an den zugrundeliegenden exekutiven Funktionen – jenen Steuerungsprozessen im Gehirn, die uns helfen, Aufgaben zu planen, zu beginnen und durchzuhalten.
Ein weiterer, oft unterschätzter Baustein ist die sensorische Integration: Manche Kinder sind von Reizen im Klassenzimmer schneller überflutet als andere – ein voller Raum, ein lauter Pausenhof, das Kratzen des Pullovers am Hals. Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten helfen dabei, diese Reize besser zu verarbeiten, statt sie einfach auszuhalten. Für Lehrkräfte bedeutet das im Alltag oft schon viel: zu verstehen, dass ein Kind, das sich beim Feueralarm die Ohren zuhält, nicht überempfindlich ist, sondern schlicht anders verarbeitet – und dass genau dieses Verständnis der erste Schritt zu passgenauer Unterstützung ist.
Und last but not least: Auch die ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes – ob SchülerInnentisch oder Lehrerpult – fällt in dieses Fachgebiet und trägt still, aber wirkungsvoll zu einem gesünderen Schulalltag bei. Wer schon einmal versucht hat, an einem viel zu niedrigen Tisch konzentriert zu arbeiten, weiß: Kleine bauliche Details entscheiden oft mehr über Konzentration und Wohlbefinden, als man vermuten würde.
In der Praxis: Das Positionspapier der Ergotherapie Austria
Dass schulbasierte Ergotherapie noch längst nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Blick nach Österreich: Aktuell haben Kinder und Jugendliche dort keinen Anspruch auf Ergotherapie direkt in ihrer Bildungseinrichtung – wer Therapie braucht, muss dafür nach dem Unterricht eine Einrichtung außerhalb der Schule aufsuchen. Genau das will der Bundesverband Ergotherapie Austria ändern: Mit seinem Positionspapier zur schul- und kindergartenbasierten Ergotherapie spricht sich der Verband dafür aus, dass Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten künftig im interdisziplinären Team gemeinsam mit PädagogInnen und Eltern direkt in Schulen und Kindergärten arbeiten.
Damit das gelingt, greift das Konzept auf ein aus der Pädagogik bekanntes Prinzip zurück: Mithilfe des Response-to-Intervention-Modells lassen sich Maßnahmen stufenweise anbieten, angepasst an die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kindern und Bildungseinrichtungen. Wichtig ist den AutorInnen dabei eine klare Abgrenzung: Schulbasierte Ergotherapie soll die Behandlung außerhalb der Schule nicht ersetzen, sondern dort ansetzen, wo aktuell eine Versorgungslücke klafft. Erste Erfahrungen aus Ländern wie den Niederlanden, Schweden oder Kanada zeigen, dass die Zusammenarbeit zwischen Ergotherapie und Pädagogik zunächst ungewohnt ist, sich aber schnell auszahlt: Nach einer anfänglichen Phase der Unsicherheit haben beide Berufsgruppen letztlich sehr voneinander profitiert und gemeinsam inklusive Strategien für das Klassenumfeld entwickelt. Ein Modell, das zeigt: Manchmal beginnt Fortschritt schlicht damit, laut auszusprechen, was fehlt.
Physiotherapie: Bewegung gegen den Sitzalltag
Sitzen ist das neue Rauchen, heißt es gerne – und nirgendwo wird so viel gesessen wie in der Schule. Die Physiotherapie tritt diesem Umstand mit einem klaren Programm entgegen: Haltungsschulung für Schülerinnen und Schüler, Rückentraining für Lehrkräfte, die stundenlang stehen oder in unbequemen Stühlen sitzen, und Bewegungsprogramme, die dem allgegenwärtigen Bewegungsmangel etwas entgegensetzen.
Auch die Ergonomie im Klassenzimmer selbst rückt zunehmend in den Fokus: Passt die Tischhöhe zur Körpergröße? Ist der Stuhl überhaupt für einen wachsenden Körper gedacht? Solche Fragen klingen banal, summieren sich über Jahre hinweg aber zu handfesten Muskel-Skelett-Beschwerden – bei Schülerinnen und Schülern ebenso wie bei Lehrkräften. Prävention ist hier, wie so oft, deutlich günstiger als Behandlung – sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich betrachtet.
Erschwerend kommt bei Kindern und Jugendlichen hinzu, dass sich dieses ohnehin nicht immer ideale Umfeld gerade in Wachstumsschüben mit körpereigenen Herausforderungen überschneidet. Wachstumsschmerzen, muskuläre Dysbalancen, Fehlstellungen oder eine Skoliose treten häufig genau in jenen Phasen auf, in denen sich Knochen, Muskeln und Bänder unterschiedlich schnell entwickeln – und werden durch stundenlanges, oft schlecht angepasstes Sitzen oder eine einseitige Belastung noch zusätzlich begünstigt. Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten können solche Veränderungen im schulischen Setting frühzeitig erkennen, gezielt gegensteuern und bei Bedarf an eine weiterführende fachärztliche Abklärung verweisen – ein Vorteil, den ein rein punktuelles Angebot außerhalb der Schule kaum leisten kann.
In der Praxis: „moving’s cool“ – Physiotherapie bewegt Schulen
Wie viel eine gezielte physiotherapeutische Intervention direkt im Schulalltag bewirken kann, zeigt das Grazer Projekt „moving’s cool“, das das Institut für Physiotherapie der FH JOANNEUM zwischen 2014 und 2017 an vier Schulen umsetzte – zwei Volksschulen und zwei Schulen der Sekundarstufe. Studierende des sechsten Semesters führten dabei nach entsprechender Schulung sowohl Unterrichtseinheiten zu Wirbelsäule und Füßen als auch ergonomische Beratungen, Kurzübungsprogramme für Lehrkräfte und Abendvorträge für Eltern durch, ergänzt um „Bewegte Pausen“ und „Bewegte Minuten im Unterricht“.
Die begleitende physiotherapeutische Analyse förderte zutage, wie groß der Handlungsbedarf tatsächlich ist: Von insgesamt 482 teilnehmenden Familien wurde bei rund 40 Prozent der Kinder eine Haltungsschwäche festgestellt, Fehlstellungen der Fußachsen zeigten sich bei 25 Prozent der Volksschulkinder und sogar bei 51 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus der Sekundarstufe. Besonders erfreulich: Gerade die bewegungsfördernden Maßnahmen wurden von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften mit „Sehr gut“ bewertet und ließen sich von den Lehrpersonen auch langfristig in den Schulalltag integrieren. 2015 holte sich das beteiligte BG/BRG Kepler mit dem Projekt sogar den ersten Platz beim GRAZIA-Kinderschutzpreis der Stadt Graz. Ein schönes Beispiel dafür, dass schon kleine, alltagstaugliche Interventionen – ein paar bewegte Minuten hier, eine ergonomische Beratung dort – eine große Wirkung entfalten können.
Diätologie und Ernährungsberatung: Was auf den Tisch – und in die Jausenbox – kommt

Ein voller Bauch studiert bekanntlich nicht gern, ein leerer aber auch nicht besonders erfolgreich. Die Diätologie bringt genau dieses Wissen in den Schulalltag: von der gesunden Jause über Workshops zur Ernährungskompetenz bis zur Beratung bei Allergien oder speziellen Ernährungsformen, die in immer mehr Klassenzimmern Thema sind.
Ein besonders sensibler, aber wichtiger Bereich ist die Prävention von Essstörungen. Gerade im Jugendalter, wenn Selbstbild und Körperbild ohnehin im Umbruch sind, kann ein reflektierter, undramatischer Umgang mit dem Thema Essen entscheidend dazu beitragen, dass sich problematische Muster gar nicht erst verfestigen. Und auch die Gesundheitsförderung für Lehrkräfte selbst gehört dazu – schließlich isst es sich in der 20-minütigen Mittagspause zwischen zwei Unterrichtsstunden auch nicht immer besonders bedacht.
In der Praxis: Jausenküche in Niederösterreich
Wie strukturierte Ernährungsbildung im Schulalltag ankommt, zeigt das Projekt „Jausenküche – gesunde Jause tut gut!“ von Tut gut! Gesundheitsvorsorge GmbH in Niederösterreich. Ausgangspunkt war eine simple Beobachtung: Gerade Volksschulen ohne eigenes Buffet oder regelmäßiges Angebot wünschten sich Unterstützung dabei, eine tägliche gesunde Jause überhaupt erst zu etablieren. Zwischen 2020 und 2022 wurde das Konzept in drei Pilotschulen erprobt und anschließend auf fünf weitere Volksschulen übertragen, mit einem eigens entwickelten Materialienpaket samt Fotokochbuch, Start- und Kochworkshops für PädagogInnen und Hort-BetreuerInnen sowie einer Ausstattung der Schulen mit Küchenutensilien.
Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Der Anteil an Obst in den mitgebrachten Jausen stieg von 55 auf 68 Prozent, bei Gemüse verdoppelte er sich sogar von rund 30 auf 68 Prozent, und auch Nüsse und Saaten fanden sich deutlich häufiger im Jausenbrot wieder. Als besonders wertvoll erwies sich dabei ein einfacher, aber oft unterschätzter Erfolgsfaktor: Das Projekt funktionierte dort am besten, wo das gesamte LehrerInnen-Team eingebunden wurde – und nicht nur eine einzelne, projektverantwortliche Person allein auf weiter Flur agierte. Eine Erkenntnis, die sich im Grunde auf jede therapeutische Initiative im Lebensraum Schule übertragen lässt.
Musiktherapie und Kunsttherapie: Ausdruck jenseits von Worten
Nicht jedes Kind – und nicht jeder Erwachsene – findet für das, was in ihm vorgeht, sofort die passenden Worte. Genau hier setzen Musik- und Kunsttherapie an, mit einem Zugang, der bewusst nonverbale Kanäle nutzt.
Die Musiktherapie fördert emotionale Kompetenzen und unterstützt die soziale Interaktion, etwa in Gruppenangeboten für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Auch Entspannungsangebote gehören dazu – eine willkommene Abwechslung in einem Schulalltag, der oft mehr Tempo als Ruhe kennt.
In der Praxis: TrommelPower gegen Gewalt
Ein besonders langlebiges Beispiel dafür, wie Musiktherapie im Klassenzimmer wirkt, ist „Trommelpower Austria“, das Dr. Andreas Wölfl 2008 gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen als musiktherapeutisches Projektmodell für Gewaltprävention und soziale Integration entwickelt hat und das seither an Schulen im deutschsprachigen Raum eingesetzt wird. Im Zentrum steht die Trommel: Weil sie ohne musikalische Vorkenntnisse spielbar ist, können Kinder und Jugendliche Aggressionen und Konflikte darüber sozial akzeptiert ausleben, statt sie zu unterdrücken oder eskalieren zu lassen. Ein geschultes musiktherapeutisches Zweierteam leitet die Klasse durch improvisiertes Trommeln, Rollenspiel und verbale Nachbesprechung, wobei typische Konfliktsituationen aus dem Schulalltag der Kinder musikalisch und szenisch aufgegriffen werden.
Besonders bewährt hat sich dabei die enge Einbindung der Lehrkräfte: In sogenannten Transfergesprächen wird gemeinsam erarbeitet, wie Elemente aus den Projekttagen auch danach eigenständig im Unterricht weitergeführt werden können – Prävention also nicht als einmaliges Ereignis, sondern als etwas, das im Klassenzimmer weiterlebt.
Die Kunsttherapie wiederum bietet einen kreativen Zugang zur emotionalen Ausdrucksfähigkeit und begleitet belastete Schülerinnen und Schüler auf eine Weise, die weniger Konfrontation und mehr behutsames Erforschen ermöglicht. Auch als Baustein von Präventionsprojekten – etwa zur Stärkung des Selbstwerts oder zum Umgang mit schwierigen Gefühlen – hat sich die Kunsttherapie im schulischen Setting bewährt.
In der Praxis: ART HELPS in Stuttgart
Wie dringend kunsttherapeutische Angebote gerade für besonders belastete Kinder gebraucht werden, zeigt das Projekt ART HELPS der gemeinnützigen Organisation Sinngeber in Stuttgart. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass viele Schulen in Deutschland mit der Integration geflüchteter, teils schwer traumatisierter Kinder und Jugendlicher überfordert sind – eine Situation, die sich mit dem anhaltenden Krieg in der Ukraine noch einmal verschärft hat. Seit 2024 bietet ART HELPS deshalb wöchentliche kunsttherapeutische Workshops in zwei Altersgruppen an, in denen junge Menschen in einem geschützten Rahmen ihre Geschichten und Emotionen kreativ ausdrücken können.
Der Ansatz macht sich zunutze, was die Kunsttherapie besonders gut kann: unterbewusste Gedanken und Gefühle bildlich greifbar machen, ohne dass es dafür der richtigen Worte bedarf. Für Kinder, die oft schon genug erklären mussten, kann genau das eine große Entlastung sein.
Ein Lebensraum, viele Perspektiven
Was diese Aufzählung zeigt: Es gibt nicht die eine Therapie im Lebensraum Schule, sondern ein dichtes Geflecht an Zugängen, die sich gegenseitig ergänzen, statt zu konkurrieren. Die Psychologin, die eine überforderte Schülerin auffängt. Die Logopädin, die einer jungen Lehrkraft zeigt, wie sie ihre Stimme durch den ganzen Berufsalltag bringt, ohne heiser zu werden. Der Ergotherapeut, der einem zappeligen Erstklässler hilft, endlich in Ruhe seinen Namen zu schreiben. Die Physiotherapeutin, die einer Lehrerin Tipps gegen die Rückenschmerzen vom Dauerstehen gibt. Sie alle tragen, jede und jeder auf ihre Weise, dazu bei, dass Schule das bleibt, was sie eigentlich sein sollte: ein Ort, an dem man wachsen darf – körperlich, sprachlich, emotional und sozial.
Wenn du selbst therapeutisch tätig bist, lohnt sich also der Blick über den eigenen Fachbereich hinaus. Denn Kooperation ist im Lebensraum Schule kein Nice-to-have, sondern die eigentliche Voraussetzung dafür, dass Unterstützung tatsächlich ankommt – bei den Kindern und Jugendlichen, bei den Lehrkräften und letztlich auch bei den Eltern, die all das zu Hause auffangen.
FAQs zum Thema Therapie im Lebensraum Schule
Im schulischen Setting arbeiten unter anderem Psychologinnen und Psychologen, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Logopädinnen und Logopäden, Ergo- und Physiotherapeutinnen, Diätologinnen sowie Musik- und Kunsttherapeutinnen zusammen. Jede Fachrichtung bringt einen eigenen Schwerpunkt mit, von psychischer Gesundheit über Sprache und Bewegung bis zu Ernährung und kreativem Ausdruck.
fit4SCHOOL ist eine Initiative des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, die Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften kostenlose, anonyme psychotherapeutische Beratung direkt im Lebensraum Schule ermöglicht. Über eine eigene Hotline steht dieses Angebot werktags zu festen Zeiten zur Verfügung.
Lehrkräfte erkranken im Laufe ihres Berufslebens deutlich häufiger an Stimmstörungen als andere Berufsgruppen, weil sie regelmäßig gegen Lärm ansprechen müssen. Frühzeitige Stimmprävention, wie sie etwa das Weingartner Präventionsmodell bereits im Lehramtsstudium verankert, kann diesem Risiko wirksam entgegenwirken.
Ergotherapie unterstützt unter anderem Feinmotorik, Konzentration und exekutive Funktionen, während Physiotherapie Haltung, Bewegung und Ergonomie im Klassenzimmer in den Blick nimmt. Beide Fachrichtungen setzen präventiv an, bevor sich aus kleinen Beschwerden dauerhafte Probleme entwickeln.
Header © Monkey Business Images | Canva
