Wie Klimakompetenz in Ă–sterreich vom fachlichen Mehrwert zur gesetzlichen Anforderung in den Therapieberufen wird.
Der Klimawandel ist längst kein abstraktes Zukunftsproblem mehr – er verändert die Gesundheitsversorgung bereits heute. Häufigere Hitzewellen, erhöhte Pollenbelastung, das vermehrte Auftreten von Vektoren, also Überträgern gefährlicher Krankheitserreger, und viele weitere Faktoren stellen neue Anforderungen an das Gesundheitssystem. Besonders betroffen sind Personen in vulnerablen Kontexten. Österreich hat darauf reagiert und setzt auf mehreren Ebenen – legislativ, strategisch und in der Ausbildung – gezielte Schritte, um Klimakompetenz fest in den Therapieberufen zu verankern.
Was bedeutet gesundheitsbezogene Klimakompetenz?
Gesundheitsbezogene Klimakompetenz beschreibt die Fähigkeit, die wesentlichen Prinzipien des Klimasystems zu verstehen, direkte und indirekte Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Gesundheit zu erkennen, wissenschaftlich fundierte Informationen zu finden und zu bewerten sowie informierte und verantwortungsvolle Entscheidungen – sowohl für die eigene Gesundheit als auch für die anderer – treffen zu können.
1. Das MTD-Gesetz 2024: Klimakompetenz wird Pflicht
Ein zentraler gesetzlicher Meilenstein ist die Novellierung des Bundesgesetzes über die gehobenen medizinisch-therapeutisch-diagnostischen Gesundheitsberufe. Mit der Novellierung des MTD-Gesetzes 2024 ist Klimakompetenz verpflichtender Bestandteil des Kompetenzprofils geworden – und damit fix in der Ausbildung verankert. Konkret wurde Klimakompetenz im Rahmen der Qualitätssicherung, -kontrolle und -entwicklung einschließlich der Erarbeitung von fachspezifischen Standards, Richtlinien und Leitlinien als allgemeine Kompetenz aller MTD-Berufsangehörigen gesetzlich festgeschrieben. Dieses Gesetz trat am 01. September 2024 in Kraft und betrifft Berufsgruppen wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Diätologie und weitere.
2. Das Handbuch zur Stärkung der Klimakompetenz (GÖG, 2024)
Mit dem 2024 von der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) im Auftrag des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz publizierten Handbuch wurde der für den deutschsprachigen Raum erste berufsgruppenübergreifende Lernzielkatalog vorgelegt – ein Grundlagendokument, auf das sich österreichische Bildungsinstitutionen bei der Curriculumsentwicklung beziehen können.
Das Handbuch ist modular aufgebaut und umfasst fünf Lernfelder: Wissen und analytische Fähigkeiten, Public Health, Klinische Praxis, Kommunikation und Zusammenarbeit sowie Klimapolitik und Governance. Es kann als Basis zur Gestaltung neuer bzw. zum Abgleichen und Weiterentwickeln bestehender Curricula, Lehrpläne oder Kurse hinsichtlich Klimakompetenz verwendet werden.
3. Der Zielkatalog „Klimaresilienz des Gesundheitssystems“ (2024)
Das Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz beauftragte das Kompetenzzentrum Klima und Gesundheit der GÖG mit der Erstellung einer Strategie zur Klimaresilienz des Gesundheitssystems. Der Zielkatalog wurde vom damaligen Bundesminister Johannes Rauch am 15. Oktober 2024 in Wien präsentiert. Er übersetzt internationale WHO-Empfehlungen in zehn Dimensionen und definiert kurzfristige Ziele bis 2030 sowie langfristige Ziele darüber hinaus. Die Stärkung der Klimakompetenz in den Gesundheitsberufen ist dabei ein ausdrücklich genannter Handlungsbereich.
4. Train-the-Trainer-Lehrgang Klimakompetenz
Damit das Wissen auch tatsächlich in der Ausbildung ankommt, braucht es klimakompetente Lehrende. Seit Januar 2024 wird laufend ein Train-the-Trainer-Lehrgang Klimakompetenz angeboten. Der erste Durchgang fand im Oktober und November 2024 statt: 30 Lehrende für Gesundheitsberufe schlossen ihn erfolgreich ab und fungieren seither als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zur Stärkung der Klimakompetenz in der nächsten Generation der Gesundheitsberufe. Der Train-the-Trainer-Lehrgang 2026 findet von 24. September bis 26. November 2026 größtenteils online, mit drei Präsenzterminen in Wien, statt. Nähere Infos und die Anmeldung finden Interessierte auf der Website der Agenda Gesundheitsförderung.
5. Die Planetary Health Charta 2030
Auf Berufsverbands-Ebene haben zahlreiche österreichische Organisationen ein klares Signal gesetzt. Viele Angehörige von Gesundheitsberufen haben die Planetary Health Charta 2030 unterzeichnet, einen strategischen Handlungsrahmen zur Stärkung der Klimakompetenz im Gesundheitswesen. Auch die MTD-Austria als Dachverband der MTD-Berufe gehört zu den Unterzeichnerinnen.
Ausblick: Von der Pflicht zur gelebten Praxis
Langfristig braucht es eine Adaptation bzw. Überarbeitung der Ausbildungsverordnungen der jeweiligen Gesundheitsberufe. Für alle, die bereits in den Berufen tätig sind, können berufsrechtliche Fortbildungen oder fakultative Weiterbildungen eine Möglichkeit bieten, bestehende Kompetenzen um jene der Klimakompetenz zu erweitern.
Österreich nimmt europaweit eine Vorreiterrolle ein: Die Kombination aus gesetzlicher Verankerung im MTD-Gesetz, einem praxisorientierten Handbuch, einem strategischen Zielkatalog und konkreten Fortbildungsangeboten zeigt, dass Klimakompetenz in den Therapieberufen mehr als ein Schlagwort ist – sie wird zur beruflichen Grundanforderung.
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