Ob Psychotherapie im Park, Ergotherapie im Garten oder Logopädie auf dem Waldweg – Therapie muss nicht immer zwischen vier Wänden stattfinden. Was draußen möglich ist und warum die Natur kein nettes Beiwerk ist, sondern echter Wirkstoff. Ob Psychotherapie im Park, Ergotherapie im Garten oder Logopädie auf dem Waldweg – Therapie muss nicht immer zwischen vier Wänden stattfinden. Was draußen möglich ist und warum die Natur kein nettes Beiwerk ist, sondern echter Wirkstoff.

Therapie unter freiem Himmel: Wenn die Natur zur Praxis wird

Ob Psychotherapie im Park, Ergotherapie im Garten oder Logopädie auf dem Waldweg – Therapie muss nicht immer zwischen vier Wänden stattfinden. Was draußen möglich ist und warum die Natur kein nettes Beiwerk ist, sondern echter Wirkstoff.

Der Behandlungsraum: vier Wände, zwei Stühle und eventuell eine Behandlungsliege. Ein vertrautes Setting, das wir kaum hinterfragen. Wer die Apple-TV+-Serie „Shrinking„ kennt, weiß: Manchmal reicht ein mutiger – oder auch ziemlich chaotischer – Therapeut, um dieses Bild ins Wanken zu bringen. Jimmy (Jason Segel) und sein Mentor Dr. Paul Rhoades (Harrison Ford) halten ihre tiefgründigsten Gespräche selten im Behandlungszimmer. Parkbänke, Vorgärten, Spaziergänge durch die Nachbarschaft – die Serie zeigt auf unterhaltsame Weise, dass Therapie nicht zwingend zwischen vier Wänden stattfinden muss. Und auch wenn „Shrinking“ das mit reichlich Humor und narrativer Lizenz tut: Die Grundidee dahinter ist alles andere als absurd. 

Muss Therapie wirklich drinnen stattfinden? Und was passiert, wenn wir den therapeutischen Prozess einfach nach draußen verlagern? Die Natur ist dabei kein bloßer Kulissenwechsel. Sie ist ein aktiver Teil des Heilungsprozesses. Und das lässt sich mittlerweile auch messen.


Quick Read

Keine Zeit für den ganzen Artikel? Kein Problem – hier sind die wichtigsten Erkenntnisse zu Therapie unter freiem Himmel auf einen Blick 💜💡

Therapie muss nicht zwischen vier Wänden stattfinden. Ob Gespräch in Bewegung, Heilung im Garten oder Kreativarbeit unter freiem Himmel – naturgestützte Therapieformen gewinnen an Bedeutung, und die Forschung gibt ihnen recht. (Weiterlesen …)

  • 🌿 Natur wirkt nachweislich: Aufenthalte in der Natur senken Cortisolspiegel, reduzieren Stress und heben die Stimmung – und schaffen damit ideale Voraussetzungen für therapeutische Prozesse.
  • 🚶 Walk and Talk: Gespräche in Bewegung senken die Hemmschwelle, lösen Denkmuster und wirken antidepressiv. Studien zeigen: 71 % der Teilnehmenden berichten nach Naturspaziergängen von reduzierten Depressionssymptomen.
  • 🌱 Gartentherapie: Das aktive Kümmern um Lebendiges hat therapeutische Tiefenwirkung – motorisch, kognitiv und emotional. Die Effekte sind laut Forschung vergleichbar mit kognitiver Verhaltenstherapie.
  • 🎨 Kunsttherapie im Freien: Die Natur als Resonanzraum erleichtert den Ausdruck und schafft Zugang zu Themen, die im Atelier manchmal verschlossen bleiben.
  • 🏃 Physio, Ergo, Logo draußen: Unebener Untergrund trainiert Gleichgewicht und Propriozeption, Alltagsnähe erhöht die Wirksamkeit – und auch Sprachtherapie profitiert davon, wenn Kinder oder Erwachsene in Bewegung und Umgebung eingebettet sind.
  • ⚠️ Nicht für jede Situation geeignet: Bei akuten Krisen, dissoziativen Zuständen oder sehr persönlichen Themen braucht es Abwägung. Datenschutz und Vertraulichkeit müssen im Freien bewusst gestaltet werden – andere Menschen können mithören, Zufallsbegegnungen passieren.
  • 📋 Für Therapeutinnen und Therapeuten: Vorab-Aufklärung, schriftliche Einwilligung, bewusste Routenwahl und Absprachen für Zufallsbegegnungen sind keine Bürokratie, sondern professionelle Sorgfalt.


Die Natur als Co-Therapeutin

Bevor wir uns die einzelnen Therapieformen anschauen, lohnt ein kurzer Blick auf das, was passiert, wenn Menschen Zeit in der Natur verbringen. Studien der Stanford University haben gezeigt, dass Menschen, die regelmäßig draußen spazieren gehen, weniger negative Gedanken haben und niedrigere Stresslevel aufweisen als Menschen, die sich ausschließlich in städtischen Umgebungen aufhalten. Gleichzeitig belegen Untersuchungen, dass Grünflächen den natürlichen Cortisol-Tagesrhythmus stabilisieren – also jenen Stresshormon-Abfall am Abend, der bei chronisch gestressten Menschen oft ausbleibt.

Bewegung an der frischen Luft reduziert Stress, hebt die Stimmung und lindert Angstsymptome. Das Gehirn wird mit mehr Sauerstoff versorgt, Endorphine werden ausgeschüttet, beide Gehirnhälften werden aktiviert. Kurz gesagt: Wer draußen ist, ist physiologisch in einem ganz anderen Zustand als wäre er oder sie in geschlossenen Räumen – und das ist für therapeutische Prozesse alles andere als irrelevant.


Walk and Talk: Wenn Gespräche in Bewegung kommen

Die bekannteste Form der Therapie unter freiem Himmel ist wohl die sogenannte Walk-and-Talk-Therapie. Das Prinzip klingt einfach, hat aber erstaunlich tiefgreifende Auswirkungen: Therapeutin oder Therapeut und Klientin oder Klient gehen gemeinsam spazieren – und das Gespräch findet in Bewegung statt.

📺 Aus der Popkultur: Shrinking auf Apple TV+

Wer sich anschaulich vorstellen möchte, wie Therapie jenseits des Behandlungszimmers aussehen kann, findet in der Apple-TV+-Serie „Shrinking“ (seit 2023, aktuell verlängert in der vierten Staffel) eine charmante – wenn auch bewusst überzeichnete – Inspiration. Die Comedy-Drama-Serie folgt dem Therapeuten Jimmy Laird (Jason Segel), der nach dem Verlust seiner Frau beginnt, alle Regeln des klassischen Therapiesettings zu brechen. Gespräche auf Parkbänken, in Vorgärten, beim Spazierengehen durch die Nachbarschaft – in „Shrinking“ findet Therapie überall statt, nur selten auf der klassischen Couch.

Sein Mentor Dr. Paul Rhoades (Harrison Ford, in einer seiner besten Rollen) verkörpert dabei den erfahrenen Gegenpol: skeptisch, trocken, aber letztlich offen für das, was unkonventionelle Methoden bewirken können. Die Serie ist natürlich keine Blaupause für therapeutische Praxis – aber sie trifft etwas Echtes: die wachsende Sehnsucht nach Therapieformen, die weniger klinisch und dafür menschlicher wirken. Und genau das ist es, was die Forschung zu naturgestützten Therapieformen bestätigt – nur eben mit etwas mehr Evidenz und etwas weniger Dramatik.

Shrinking ist auf Apple TV+ abrufbar 

In New York City gehört das längst zum Standardrepertoire: Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten begleiten ihre Klientinnen und Klienten durch den Central Park, arbeiten an Themen, während die Stadt an ihnen vorbeizieht. Hierzulande hat das Konzept erst langsam Fahrt aufgenommen, gewinnt aber zunehmend an Beliebtheit.

Was macht Walk and Talk so wirksam? Mehrere Faktoren spielen zusammen:

Weniger Druck, mehr Offenheit. Das klassische Gegenübersitzen im Behandlungszimmer erzeugt eine soziale Situation, die für manche Menschen einschüchternd wirkt. Nebeneinander durch einen Park zu gehen, fühlt sich niedrigschwelliger an. Der Augenkontakt ist nicht erzwungen, das Setting ist locker – und genau das erleichtert es, über schwierige Dinge zu sprechen.

Bewegung löst Denkmuster. Eine viel zitierte Studie von Oppezzo und Schwartz (2014) zeigte, dass sich die Kreativität um bis zu 81 Prozent erhöht, wenn Menschen sich beim Nachdenken bewegen. Das Gehen stimuliert beide Gehirnhälften und verschafft Zugang zum Unterbewusstsein – was im therapeutischen Kontext bedeutet: Blockaden lösen sich leichter, neue Perspektiven entstehen schneller.

Antidepressive Wirkung der Bewegung. Studien zufolge empfanden 71 Prozent der Menschen, die Spaziergänge in der Natur unternahmen, verminderte Depressionssymptome. Walk-and-Talk-Therapie schneidet bei der Behandlung von Depressionen vergleichbar gut ab wie klassische Gesprächstherapie im Sitzen – mit dem Zusatzbonus, dass Klientinnen und Klienten nach der Sitzung oft energiegeladener und aktivierter sind.

Die Metapher lebt mit. Wer bergauf geht, spürt das auch körperlich. Wer an einer Weggabelung steht, erlebt eine Entscheidungssituation im wörtlichen Sinne. Das Tempo des Gehens, Pausen, Schrittwechsel – all das spiegelt auf erstaunlich natürliche Weise wider, was gerade inhaltlich besprochen wird. Manche Therapeutinnen und Therapeuten nutzen das bewusst als therapeutisches Werkzeug.

Praktisch gedacht: Walk-and-Talk ist nicht für jede Klientin und jeden Klienten und nicht für jedes Thema gleich geeignet. Bei akuten Krisen, stark dissoziativen Zuständen oder körperlichen Einschränkungen braucht es Anpassung oder ein alternatives Setting. Und ja: Das Wetter spielt eine Rolle. Aber die meisten Menschen, die Walk-and-Talk ausprobiert haben, berichten, dass sie die Sitzungen draußen als deutlich weniger belastend und gleichzeitig als ebenso tiefgehend erleben.


Naturtherapie: Mehr als ein Spaziergang

Naturtherapie ist ein Oberbegriff, der verschiedene therapeutische Ansätze umfasst, die die Natur gezielt als therapeutisches Medium nutzen. Gemeinsam ist ihnen, dass die natürliche Umgebung nicht bloßer Hintergrund ist, sondern aktiv in den Prozess einbezogen wird.

Dazu gehören beispielsweise geführte Naturerfahrungen, Übungen zur Achtsamkeit in der Natur, das Arbeiten mit natürlichen Materialien oder auch Methoden wie die „Green Meditation“ – eine Art Meditationspraxis, die gezielt auf Sinneswahrnehmungen in der Natur setzt. Manche Ansätze verbinden körperliche Bewegung (etwa Wandern) mit psychotherapeutischen Elementen, andere setzen auf stilles Erleben und Beobachten.

Was diese Ansätze eint: Sie gehen davon aus, dass der Mensch ein zutiefst naturbezogenes Wesen ist – und dass dieser Naturbezug im modernen Alltag oft abhanden gekommen ist, mit entsprechenden Folgen für die psychische Gesundheit. Naturtherapeutische Ansätze zielen darauf ab, diese Verbindung bewusst wiederherzustellen.

Wissenschaftliche Forschung zu naturtherapeutischen Methoden findet unter anderem im Rahmen des sogenannten „Green Care“-Konzepts statt, das bio-psycho-soziale Gesundheitsmaßnahmen durch Natur und Naturerleben bündelt – von Prävention über Rehabilitation bis hin zur klinisch-kurativen Arbeit.

Spannende weiterführende Artikel rund um die Themen Natur- und Kreativtherapie findest du im Bereich „Grüne Texte“ in der Online-Zeitschrift für Garten-, Landschafts-, Waldtherapie, tiergestützte Therapie, Green Care, Green Meditation, Ökologische Gesundheit, Ökopsychosomatik.

Spannende weiterführende Artikel rund um die Themen Natur- und Kreativtherapie findest du im Bereich „Grüne Texte“ in der Online-Zeitschrift für Garten-, Landschafts-, Waldtherapie, tiergestützte Therapie, Green Care, Green Meditation, Ökologische Gesundheit, Ökopsychosomatik.


Gartentherapie: Heilsames Wachsenlassen

Wer schon einmal die Hände in die Erde gesteckt, Samen gesät und ein paar Wochen später erste Triebe gesehen hat, ahnt, warum Gartentherapie wirkt. Aber intuitives Erleben und wissenschaftliche Evidenz sind hier erfreulich gut im Einklang.

Gartentherapie ist definiert als eine aktivierende Therapieform, bei der kranke oder in ihrer Gesundheit beeinträchtigte Menschen von Fachleuten gärtnerisch und therapeutisch begleitet werden, um durch Gartentätigkeiten Schwierigkeiten zu klären, Ressourcen zu stärken und ein eigenständiges Leben zu unterstützen. Das klingt nach viel – und ist es auch.

In der Praxis heißt das: Pflanzen setzen, Erde umgraben, gießen, ernten, gestalten. Es geht dabei nicht darum, einen perfekt gestalteten Garten zu erschaffen. Der Prozess zählt, nicht das Ergebnis. Und dieser Prozess hat eine erstaunliche Bandbreite an therapeutischen Effekten:

Motorisch profitieren Menschen durch feinmotorische und grobmotorische Bewegungen, die spielerisch in Gartenarbeit eingebettet sind. Kognitiv werden Planung, Konzentration und Zeitgefühl trainiert. Emotional bietet die Arbeit mit Lebensgeräten (Pflanzen, Erde, Wasser, Licht) tiefe sensorische Erfahrungen, die regulierend wirken können. Sozial entsteht in Gruppen-Gartentherapien ein gemeinschaftliches Erlebnis, das Verbindung schafft.

Besonders bemerkenswert: Eine Forschungsgruppe unter Leitung von Professor Peter Coventry konnte zeigen, dass die Effekte der Gartentherapie vergleichbar sind mit denen einer kurzfristigen kognitiven Verhaltenstherapie – dem Goldstandard bei der Behandlung von Angst und Depression. Als besonders wirksam erwies sich ein „therapeutisches Fenster“ von neun bis zwölf Wochen regelmäßigem, aktivem Naturkontakts.

Was Gartentherapie von einem einfachen Spaziergang unterscheidet: das bewusste Kümmern um etwas Lebendiges. Dieser aktive Fürsorgeaspekt scheint ein zentrales therapeutisches Element zu sein. In Österreich wird Gartentherapie an der Donau-Universität Krems akademisch ausgebildet, in Deutschland und der Schweiz gibt es ebenfalls etablierte Ausbildungswege.

Gartentherapie findet sowohl in stationären Einrichtungen (etwa in der Geriatrie, Psychiatrie oder Rehabilitation) als auch ambulant statt. Für Menschen mit Demenz, für ältere Menschen, für Personen in psychiatrischen Krisen oder in der Rehabilitation nach Erkrankungen – überall dort kann der Garten zu einem Ort der Genesung werden.


Kunsttherapie draußen: Kreativität unter freiem Himmel

Kunsttherapeutinnen und Kunsttherapeuten wissen: Das Gestalten mit Farbe, Form, Ton oder anderen Materialien kann sichtbar machen, was Worte nicht fassen – innere Konflikte, diffuse Gefühle, unausgesprochene Bedürfnisse. Wenn das Kunstschaffen dann noch nach draußen verlegt wird, kommt ein weiterer Wirkfaktor dazu: die Natur selbst als Inspirationsquelle und Resonanzraum.

Die Kombination von Kunsttherapie und Naturerleben eröffnet Möglichkeiten, die im Atelier nicht so ohne Weiteres entstehen. Das Sammeln von Naturmaterialien, das Zeichnen im Park, das Modellieren mit Erde oder Lehm, das Fotografieren einer Landschaft – all das kann genutzt werden, um therapeutische Prozesse anzuregen und in Gang zu halten.

Der Kontakt in und mit der Landschaft ermöglicht intensive Naturerfahrungen, die wirksame therapeutische und künstlerische Prozesse in Gang setzen können. Menschen, die draußen gestalten, berichten oft von einem anderen Qualitätsgefühl – von Weite, von Freiheit, von einem Ausdruck, der sich leichter einstellt. Kunsttherapeutisch ausgebildete Fachkräfte, die Naturelemente in ihre Arbeit integrieren, schaffen damit einen Raum, der gleichzeitig geschützt und offen ist. 


Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie im Freien

Jetzt wird es vielleicht überraschend – aber auch andere therapeutische Disziplinen lassen sich wunderbar ins Freie verlagern. Und das nicht nur als nette Abwechslung, sondern mit echtem therapeutischem Mehrwert.

🏃 Physiotherapie im Freien – Lauftraining im Park, Gleichgewichtsübungen auf unebenem Untergrund, Mobilisationsübungen im Grünen: Das unebene Terrain draußen trainiert Propriozeption und Gleichgewicht auf eine Weise, die keine Gymnastikmatte drinnen replizieren kann. Für Menschen in der Rehabilitation nach Knie- oder Hüftoperationen etwa ist das Gehen auf verschiedenen Untergründen – Gras, Schotter, leichte Steigungen – ein wichtiger Schritt zurück in den Alltag.

Außerdem: Die psychische Wirkung von Bewegung an der frischen Luft unterstützt den physiotherapeutischen Prozess. Wer motivierter ist, bewegt sich ausdauernder und arbeitet aktiver mit.

🧩 Ergotherapie im Freien hat eine lange Tradition – auch wenn das nicht immer so genannt wird. Der Gemüsegarten, das Holzhacken, die Gartenarbeit: All das sind ergotherapeutisch relevante Tätigkeiten, die Alltagsfunktionen trainieren, motorische Fertigkeiten stärken und kognitive Prozesse fördern. Für Menschen, die nach einem Schlaganfall, bei Demenz oder nach langen Krankheitsphasen in die Alltagsfähigkeiten zurückfinden müssen, kann die draußen stattfindende Ergotherapie realitätsnähere und damit oft wirkungsvollere Übungen bieten als das Praxiszimmer.

🗣️ Logopädie unter freiem Himmel klingt auf den ersten Blick besonders ungewöhnlich – schließlich braucht Sprache doch Ruhe und Konzentration? Stimmt, aber nicht ausschließlich. Gerade in der Kindertherapie kann das Arbeiten in natürlichen Umgebungen enorme Vorteile haben: Kinder sprechen oft leichter, wenn sie sich bewegen und beschäftigt sind. Sprachförderung, die an Naturerlebnisse geknüpft ist – das Benennen von Tieren, das Beschreiben von Geräuschen, das Erzählen von Erlebnissen auf dem Weg –, kann besonders motivierend sein. Auch für Erwachsene, die an Stimmstörungen oder nach neurologischen Erkrankungen an der Sprache arbeiten, kann der Wechsel des Settings neue Impulse setzen.

Natürlich gilt: Nicht jede Einheit lässt sich 1:1 nach draußen übertragen. Manche Übungen brauchen spezifisches Equipment, Schallisolierung oder hygienische Voraussetzungen. Aber ein kreativer Blick auf das jeweilige Therapieprogramm zeigt oft: Mehr ist möglich, als man zunächst denkt.


Für wen ist Therapie unter freiem Himmel geeignet?

Ehrliche Antwort: für viele – aber nicht für alle und nicht für jeden Moment. Hier ein schneller Überblick:

Besonders gut geeignet ist Therapie im Freien für Menschen, die in klassischen Praxissettings angespannt oder blockiert reagieren, Menschen mit Depressionen oder Burnout, ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Kinder, die sich draußen freier bewegen und ausdrücken, sowie generell Menschen, die sich in der Natur schlicht wohler fühlen als drinnen – was die Mehrheit ist.

Vorsicht ist geboten bei akuten psychiatrischen Krisen oder stark dissoziativen Zuständen, bei körperlichen Einschränkungen, die bestimmte Außenaktivitäten ausschließen, bei Themen, die besondere Diskretion erfordern, sowie natürlich bei extremen Wetterbedingungen.


Praktische Überlegungen für Therapeutinnen und Therapeuten

Wer Elemente von Outdoor-Therapie in die eigene Praxis integrieren möchte, sollte einige Punkte bedenken:

Einwilligung und Rahmensetzung

Klientinnen und Klienten sollten im Vorfeld informiert und einverstanden sein. Das Setting draußen erfordert eine klare Absprache über Vertraulichkeit, Treffpunkt und Ablauf.

Datenschutz und Vertraulichkeit im Freien

Wer Therapiesitzungen nach draußen verlagert, verlässt damit nicht nur das gewohnte Setting – sondern auch den schallgedämmten Schutzraum der Praxis. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein Punkt, der im Vorfeld offen angesprochen werden muss.

Klientinnen und Klienten sollten ausdrücklich darüber informiert werden, dass im Freien keine vollständige akustische Vertraulichkeit garantiert werden kann. Andere Spaziergängerinnen und Spaziergänger können in Hörweite geraten, Gespräche können nicht wie in einem Behandlungszimmer abgeschirmt werden. Das klingt selbstverständlich – und wird trotzdem oft nicht explizit besprochen.

Praktisch bedeutet das: Die Einwilligung zur Outdoor-Sitzung sollte ausdrücklich auch diesen Aspekt umfassen. Manche Therapeutinnen und Therapeuten lassen das schriftlich festhalten, andere klären es mündlich im Vorgespräch – wichtig ist, dass es passiert und dokumentiert wird. Darüber hinaus empfiehlt es sich, Routen oder Orte bewusst zu wählen: abgelegene Wege, ruhige Parkbereiche oder weniger frequentierte Grünflächen bieten mehr Diskretion als belebte Flaniermeilen.

Ein weiterer, leicht übersehener Aspekt: Auch die Zufallsbegegnung zählt zum Datenschutz. Wenn Klientin oder Klient und Therapeutin oder Therapeut gemeinsam durch den Park spazieren und dabei Bekannten über den Weg laufen, kann das für beide Seiten unangenehm sein – und sollte im Vorfeld kurz thematisiert werden. Wie gehen wir damit um? Stellen wir uns als Bekannte vor, gehen wir weiter? Solche kleinen Absprachen verhindern große Momente der Verlegenheit.

Eignung prüfen

Nicht jede therapeutische Methode und nicht jedes Thema lässt sich nach draußen verlagern. Eine gute therapeutische Einschätzung ist hier entscheidend.

Dokumentation

Auch Sitzungen, die im Park stattfinden, müssen dokumentiert werden – das klingt selbstverständlich, wird aber in der Praxis manchmal vergessen.

Haftung und Sicherheit

Gerade bei Klientinnen und Klienten mit erhöhtem Risiko (z. B. suizidalen Tendenzen) ist besondere Sorgfalt bei der Wahl des Settings nötig.

Und ganz pragmatisch: Ein gutes Paar Schuhe kann nicht schaden.


Raus aus dem Zimmer – rein in den Prozess

Therapie unter freiem Himmel ist kein Trend, der nach einer Saison wieder verschwindet. Sie ist die Rückkehr zu etwas, das eigentlich nahe liegt: dass Menschen in und mit der Natur heilen können. Die Forschung stützt das zunehmend, die Praxis bestätigt es täglich.

Ob du als Therapeutin oder Therapeut überlegst, einzelne Sitzungen nach draußen zu verlagern, oder ob du als betroffene Person auf der Suche nach einem anderen Setting bist – es lohnt sich, diesen Schritt zu wagen.


FAQ zum Thema Therapie unter freiem Himmel

Ist Walk-and-Talk-Therapie genauso wirksam wie klassische Psychotherapie?

Studien zeigen, dass Walk-and-Talk-Therapie bei der Behandlung von Depressionen und Angststörungen vergleichbare Ergebnisse erzielt wie Gesprächstherapie im klassischen Sitzformat. Der zusätzliche Bewegungseffekt kann sogar einen Vorteil bieten: Körperliche Aktivität setzt Endorphine frei, aktiviert beide Gehirnhälften und senkt den Cortisolspiegel – was den therapeutischen Prozess unterstützt. Für akute Krisen oder stark belastende Themen, die maximale Diskretion erfordern, bleibt das geschlossene Praxiszimmer jedoch oft die bessere Wahl.

Für wen ist Therapie unter freiem Himmel geeignet?

Naturgestützte Therapieformen eignen sich besonders für Menschen mit Depressionen oder Burnout, für Kinder, die sich in Bewegung freier ausdrücken, sowie für ältere Menschen, die von naturnaher Aktivierung profitieren. Auch Menschen, die im klassischen Praxissetting angespannt oder blockiert reagieren, finden draußen oft leichter Zugang zu sich selbst. Weniger geeignet ist das Outdoor-Setting bei akuten psychiatrischen Krisen, stark dissoziativen Zuständen oder wenn körperliche Einschränkungen bestimmte Aktivitäten ausschließen.

Was muss ich als Therapeutin oder Therapeut beim Datenschutz beachten, wenn ich Sitzungen im Freien anbiete?

Im Freien ist akustische Vertraulichkeit nicht vollständig gewährleistet – andere Personen können in Hörweite geraten. Klientinnen und Klienten sollten darüber ausdrücklich informiert und ihre Einwilligung dokumentiert werden. Empfehlenswert ist außerdem die bewusste Wahl ruhiger, wenig frequentierter Routen sowie eine kurze Absprache im Vorfeld, wie mit möglichen Zufallsbegegnungen umgegangen wird – etwa ob man sich als Bekannte vorstellt oder einfach weitergeht.

Was ist der Unterschied zwischen Naturtherapie und Gartentherapie?

Naturtherapie ist ein Oberbegriff für therapeutische Ansätze, die die Natur als aktives Medium nutzen – dazu zählen unter anderem geführte Naturerfahrungen, achtsamkeitsbasierte Übungen im Freien oder das Arbeiten mit natürlichen Materialien. Gartentherapie ist ein spezifischer Ansatz innerhalb dieses Spektrums: Hier steht das aktive Gärtnern im Mittelpunkt – Pflanzen, Säen, Ernten, Gestalten. Der besondere Wirkfaktor der Gartentherapie liegt im Kümmern um etwas Lebendiges, was sich motorisch, kognitiv und emotional therapeutisch auswirkt. Beide Formen sind wissenschaftlich gut untersucht und werden in Österreich, Deutschland und der Schweiz akademisch ausgebildet.

Header © KI generiert