Österreichs Gesundheitssystem bekommt einen neuen Fahrplan – und du sitzt diesmal nicht nur im Beiwagen mit.
Beim Wort „Strukturreform“ denken sich wohl viele Therapeutinnen und Therapeuten: großes Wort, aber wahrscheinlich nicht so viel dahinter. Bei der Reformpartnerschaft 2040 solltest du aber genauer hinschauen: Hier wird gerade neu verhandelt, wo in Österreich künftig behandelt, therapiert und beraten wird – und wer das macht. Für Therapeutinnen und Therapeuten ist da einiges dabei, das mehr ist als eine Randnotiz.
Inhalt
- Was ist die Reformpartnerschaft 2040 überhaupt?
- Die große Idee: eine Versorgungspyramide mit dir im Fundament
- Skill- und Grade-Mix: mehr Kompetenzen, mehr Verantwortung für nichtärztliche Berufe
- Neue Anlaufstellen: Gesundheitsversorgungszentren als One-Stop-Shop
- 1450 wird zum Patienten-Navi – auch für Zuweisungen
- Psychische Gesundheit: mehr Kassenleistungen, mehr Prävention
- Und was bleibt (noch) vage?
- Was du jetzt schon mitnehmen kannst
Was ist die Reformpartnerschaft 2040 überhaupt?
Die Reformpartnerschaft Österreich wurde im Juni 2025 als gemeinsamer Reformprozess von Bund, Ländern, Städten und Gemeinden ins Leben gerufen, mit dem Ziel, staatliche Strukturen effizienter, moderner und bürgernäher zu gestalten. Vier Themenblöcke stehen dabei im Mittelpunkt: Verfassungs- und Verwaltungsbereinigung, Energie, Bildung und Gesundheit. Uns interessiert hier logischerweise vor allem Letzteres.
Ende Juni 2026 haben sich die Reformpartner auf ein Papier zur Gesundheitsversorgung geeinigt, das den schönen Titel „Miteinander für eine bessere Versorgung“ trägt. Der Hintergrund: Österreich gibt jährlich Milliarden für Gesundheit aus, schneidet aber gemessen an den Ergebnissen im internationalen Vergleich nur mittelmäßig ab. Demografischer Wandel, Fachkräftemangel, medizinisch-technischer Fortschritt und die langfristige Finanzierbarkeit setzen das System zusätzlich unter Druck. Kurz gesagt: Es brennt an mehreren Ecken gleichzeitig, und die Reform soll die Löschzüge neu koordinieren.
Die große Idee: eine Versorgungspyramide mit dir im Fundament
Das Grundprinzip der Reform lässt sich als abgestufte Versorgungspyramide beschreiben: Das Fundament bildet die Primärversorgung, die wohnortnah und möglichst rund um die Uhr verfügbar sein soll – dort sollen künftig „multiprofessionelle Teams“ arbeiten, also Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit Pflege, Therapeutinnen und Therapeuten sowie anderen Gesundheitsberufen. Genau hier wird es für dich konkret: Du bist explizit als Teil dieser Teams mitgedacht, nicht nur als externe Zuweisung.
Die Zahlen dahinter sind ambitioniert: Bis 2040 sollen in Österreich rund 600 Primärversorgungszentren entstehen, ergänzt um 75 Fachärztezentren, die erstmals durch ein „Mittelpooling“ von Ländern und Sozialversicherung gemeinsam finanziert werden sollen. Zum Vergleich: Aktuell gibt es rund 120 solcher Einheiten, die nach einem Jahrzehnt gerade einmal etwa fünf Prozent der Bevölkerung versorgen. Die Marschrichtung ist also eine Vervielfachung – und bringt damit potenziell deutlich mehr Jobs und Kooperationsmöglichkeiten in multiprofessionellen Teams statt in der Einzelpraxis nebenan.
Auch die Versorgungsanalyse des Gesundheitsministeriums rechnet in ihrem bevorzugten Reformszenario („Stufenverschiebung“) mit einer deutlichen Zunahme: Primärversorgungseinheiten sollen demnach so ausgebaut werden, dass 90 bis 95 Prozent der Bevölkerung eine PVE innerhalb von 15 Autominuten erreichen können – aktuell sind es gut die Hälfte.
Skill- und Grade-Mix: mehr Kompetenzen, mehr Verantwortung für nichtärztliche Berufe
Der Punkt, der therapeutische Berufe am direktesten betrifft, versteckt sich hinter einem sperrigen Fachbegriff: dem „Skill- und Grade-Mix“. Gemeint ist damit die gezielte Verteilung von Aufgaben auf jene Berufsgruppe, die dafür am besten qualifiziert ist – statt alles bei der Ärztin oder dem Arzt zu bündeln. In der Versorgungsanalyse der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) heißt es dazu unmissverständlich: Die Kompetenzbereiche nichtärztlicher Gesundheitsberufe sollen erweitert und systematisch weiterentwickelt werden, um ärztliche Ressourcen gezielt zu entlasten.
Beim Personal, laut Reformpapier der größte Engpass der kommenden Jahre noch vor dem Geld, setzt die Einigung auf erweiterte Kompetenzen für Pflege- und andere nichtärztliche Gesundheitsberufe. Was das praktisch heißen könnte: mehr direkte Zuständigkeit für therapeutische Diagnostik- und Behandlungsschritte, mehr Mitsprache in Behandlungspfaden – und mehr Sichtbarkeit als eigenständige Fachkraft im Team, nicht als reines Zuweisungsziel.
Neue Anlaufstellen: Gesundheitsversorgungszentren als One-Stop-Shop
Eine zweite Neuerung betrifft die sogenannten Gesundheitsversorgungszentren (GVZ) – multidisziplinäre, fächerübergreifende ambulante Zentren mit mindestens fünf Fachgebieten unter einem Dach. Das Ziel: Patientinnen und Patienten sollen möglichst viele Leistungen an einem Ort und mit wenigen Terminwegen bekommen: das sogenannte One-Stop-Shop-Prinzip. Für die therapeutische Praxis heißt das potenziell kürzere Wege zur Zuweisung, engere fachliche Abstimmung mit Ärztinnen, Ärzten und anderen Berufsgruppen vor Ort – und, je nach Standort, auch neue Anstellungsformen abseits der klassischen Einzelordination.
Diese GVZ sollen unter anderem aus kleineren Spitalsstandorten hervorgehen, die künftig keine eigene stationäre Akutversorgung mehr anbieten, aber als ambulante Zentren weiterleben. In der Alltagssprache der Reform: „Standorte bleiben erhalten“ – auch wenn aus manchem kleinen Spital eher ein Facharztzentrum wird.
1450 wird zum Patienten-Navi – auch für Zuweisungen
Die Gesundheitshotline 1450, vielen noch aus Corona-Zeiten bekannt, soll zur zentralen digitalen Steuerungsstelle im System ausgebaut werden – zum „Patienten-Navi“. Konkret soll es künftig möglich sein, über 1450 auch Termine zu vereinbaren oder eine Ärztin beziehungsweise einen Arzt per Video zu konsultieren, ergänzt durch den weiteren Ausbau der Telemedizin. Für therapeutische Berufe könnte das langfristig bedeuten, dass auch Erstkontakte, Beratungsleistungen und Terminkoordination stärker digital vorstrukturiert ablaufen – mit allen Chancen (weniger Leerläufe, bessere Vorqualifizierung) und Herausforderungen (mehr Systemabhängigkeit), die das mit sich bringt.
Psychische Gesundheit: mehr Kassenleistungen, mehr Prävention
Wer im psychosozialen Bereich arbeitet, findet in der Reform besonders viel Konkretes. Über 120.000 Einheiten für klinisch-psychologische Behandlungen werden seit heuer als Kassenleistungen angeboten und laut Staatssekretärin Königsberger-Ludwig sehr gut angenommen. Auch das Programm Gesund aus der Krise zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wird 2027 und 2028 mit jeweils 21 Millionen Euro fortgeführt, und die Initiative Social Prescribing wird als weitere erfolgreiche Maßnahme genannt. Für Psychologinnen, Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten heißt das: mehr Kassenplätze, mehr strukturelle Rückendeckung – und ein politisches Bekenntnis, dass psychische Gesundheit kein Nice-to-have am Rand des Systems mehr ist.
Auch bei der Frauengesundheit tut sich etwas: Das Ressort will sich vermehrt Themen wie Wechseljahren, Endometriose und Mental Load widmen, unter anderem durch die Etablierung eigener Zentren, wofür heuer und nächstes Jahr rund 20 Millionen Euro bereitgestellt werden. Auch hier sind interdisziplinäre Teams mit psychologischer, physio- und ergotherapeutischer sowie diätologischer Expertise naheliegende Bausteine.
Und was bleibt (noch) vage?
Ganz ehrlich: Nicht alles an der Reformpartnerschaft 2040 ist schon in Stein gemeißelt. Die Grundarchitektur des Systems – getrennte Finanzierungstöpfe für Spitäler und niedergelassenen Bereich – bleibt grundsätzlich bestehen, eine echte „Finanzierung aus einer Hand“ kommt vorerst nur im Miniaturformat des erwähnten Mittelpoolings. Auch beim Geld bleibt das Ministeriumspapier vage: Es nennt keinen einzigen konkreten Euro-Betrag für die Umsetzung. Und im Parlament wurde bestätigt, dass die Finanzierung der Reform erst im nächsten Finanzausgleich geklärt werden muss.
Auch der Zeithorizont ist ein langer: 2040 ist nicht übermorgen. Die Versorgungsanalyse der GÖG rechnet in ihrem bevorzugten Szenario „Stufenverschiebung“ damit, dass Primärversorgungseinheiten bis dahin schrittweise zur zentralen Anlaufstelle werden – inklusive einer stärkeren Rolle der Primärversorgung als Lotsin durchs System. Das bedeutet: Der Umbau passiert nicht über Nacht, sondern über anderthalb Jahrzehnte, in denen sich für dich in der Praxis vieles erst nach und nach verändern wird.
Was du jetzt schon mitnehmen kannst
Auch wenn 2040 noch weit weg klingt: Die Richtung ist unmissverständlich. Multiprofessionelle Teams statt Einzelkämpfertum, erweiterte Kompetenzen für therapeutische Berufe, mehr Kassenleistungen im psychosozialen Bereich und neue Anlaufstellen wie Gesundheitsversorgungszentren – all das betrifft dich nicht irgendwann, sondern schon in den kommenden Jahren, wenn die ersten Primärversorgungszentren und GVZ aus der Ankündigung in den Betrieb gehen. Wer sich jetzt schon mit multiprofessioneller Zusammenarbeit, digitalen Zuweisungswegen und den neuen Versorgungsformen vertraut macht, hat bei der Umsetzung die Nase vorn – statt am Ende nur mit den Achseln zu zucken, wenn die Reform plötzlich vor der eigenen Praxistür steht.
Header © Ilona Kozhevnikova