Körperorientierte Traumatherapie mit Somatic Experiencing: Grundlagen, Techniken und erste Schritte für zu Hause
Trauma sitzt nicht nur im Kopf – es sitzt im Körper. Somatic Experiencing nach Peter Levine hilft dabei, festsitzende Stressenergie zu lösen und das Nervensystem nachhaltig zu regulieren. Wir erklären dir, wie die Methode funktioniert, was sie von anderen Therapieformen unterscheidet und wie du erste Prinzipien zu Hause ausprobieren kannst.
Inhalt
- Quick-Read
- Was ist Somatic Experiencing? Die Grundidee hinter der Methode
- Peter Levine und die Entstehung von Somatic Experiencing
- Trauma im Körper: Warum klassische Gesprächstherapie manchmal nicht reicht
- Die zentralen Techniken: Titration, Pendulation und Tracking
- Somatic Experiencing in der Praxis: Was passiert in einer Sitzung?
- Somatic Experiencing zu Hause: Eine einfache Anleitung für den Alltag
- Somatic Experiencing im Coaching: Möglichkeiten und Grenzen
- Für wen eignet sich Somatic Experiencing – und für wen nicht?
- Wie findest du die passende Therapeutin oder den passenden Therapeuten?
- FAQ zum Thema Somatic Experiencing
Quick-Read
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Was ist Somatic Experiencing? Die körperorientierte Methode von Peter Levine geht davon aus, dass Trauma keine rein psychische, sondern vor allem eine körperliche Dysregulation ist. Statt belastende Erfahrungen zu analysieren, arbeitet SE mit körperlichen Empfindungen, Impulsen und dem natürlichen Rhythmus des Nervensystems – behutsam, schrittweise und ohne Retraumatisierung. (Weiterlesen …)
- Trauma sitzt im Körper: Traumatische Erlebnisse hinterlassen nicht nur im Gedächtnis, sondern in den körperlichen Reaktionssystemen tiefe Spuren. Der Körper bleibt in Alarmbereitschaft – auch dann noch, wenn der Verstand das Erlebnis längst verarbeitet hat. Somatic Experiencing setzt genau hier an.
- Die drei Kerntechniken: Tracking (körperliche Empfindungen bewusst wahrnehmen), Titration (belastende Inhalte in kleinen, verträglichen Dosen angehen) und Pendulation (rhythmisches Hin-und-Herpendeln zwischen Anspannung und Ressource, wie die Gezeiten) bilden das methodische Herzstück von SE.
- Keine Wiederbelebung des Traumas nötig: Im Gegensatz zu manchen anderen Methoden müssen belastende Situationen oder Traumata im SE nicht erneut durchlebt oder ausführlich geschildert werden – ein entscheidender Vorteil für Menschen mit starker Überwältigungsangst.
- Anwendungsfelder: SE eignet sich für Schocktraumata (Unfälle, medizinische Eingriffe), frühe Bindungs- und Entwicklungstraumata, chronischen Stress und Burn-out sowie für alle, die ihre körperliche Selbstwahrnehmung und Resilienz stärken möchten – auch ohne konkreten Trauma-Hintergrund.
- SE zu Hause: Erste Prinzipien lassen sich niedrigschwellig im Alltag anwenden: Grounding durch Körperkontakt mit dem Boden, bewusstes Spüren einer angenehmen Körperstelle als Ressource, sanftes Pendeln zwischen Anspannung und Wohlbefinden sowie das achtsame Begleiten natürlicher Körperimpulse.
- Für die Praxis: Das SE-Training ist eine mehrjährige, modulare Ausbildung – klar geregelt und mit verpflichtender Selbsterfahrung. Im Coaching können SE-Prinzipien ergänzend eingesetzt werden; schwere Traumata gehören jedoch in therapeutische Hände ausgebildeter Somatic Experiencing Practitioner (SEP).
Was ist Somatic Experiencing? Die Grundidee hinter der Methode
Somatic Experiencing – kurz SE – ist ein körperorientierter Ansatz zur Behandlung von Traumata, chronischem Stress und stressbedingten Störungen. Der Begriff „somatic“ leitet sich vom Griechischen „soma“ ab und bedeutet schlicht: Körper. Und genau dort setzt die Methode an. Statt Traumata in erster Linie über das Gespräch oder die kognitive Verarbeitung anzugehen, richtet Somatic Experiencing den Fokus auf das, was im Körper passiert – auf körperliche Empfindungen, Impulse und Reaktionen, die mit traumatischen oder belastenden Erfahrungen verbunden sind. Anders als viele andere Methoden der Traumaarbeit setzt SE nicht voraus, dass Betroffene ihre Erfahrungen in Worte fassen oder detailliert beschreiben können.
Der Grundgedanke: Trauma ist kein rein psychisches Phänomen, sondern eine Dysregulation des autonomen Nervensystems. Wenn das Nervensystem mit einer überwältigenden Situation konfrontiert wird – sei es durch einen Unfall, Gewalt, eine schwere Erkrankung oder auch durch anhaltenden Alltagsstress – mobilisiert der Körper enorme Mengen an Energie, um zu kämpfen, zu fliehen oder zu erstarren. Gelingt es nicht, diese Energie nach dem Ereignis vollständig abzubauen, bleibt sie im Körper gespeichert. Das System verharrt in einem chronischen Alarmzustand – auch dann noch, wenn die eigentliche Bedrohung längst vorbei ist.
Somatic Experiencing zielt darauf ab, genau diese steckengebliebene Energie behutsam zu lösen und dem Nervensystem zu helfen, wieder in seinen natürlichen Gleichgewichtszustand zurückzufinden. Die Methode arbeitet dabei „bottom-up“ – also von unten nach oben: zuerst über den Körper, dann über die Emotionen und zuletzt über den Verstand. Das unterscheidet SE grundlegend von klassischen, kognitiv ausgerichteten Therapieformen, die in der Regel „top-down“ vorgehen.
🔍 Tiefer ins Thema: Viele Menschen kommen mit einem Nervensystem zum Somatic Experiencing, das seit Monaten oder Jahren im Überlebensmodus feststeckt. Was den Survival Mode auslöst, woran du ihn erkennst und wie der Weg heraus aussieht, erklären wir dir hier:
Survival Mode: Was er mit Körper und Geist macht und wie man ihn hinter sich lässt
Peter Levine und die Entstehung von Somatic Experiencing
Die Geschichte von Somatic Experiencing beginnt in den 1970er Jahren, als der US-amerikanische Biophysiker und Psychologe Peter A. Levine beginnt, sich intensiv mit Stress, Schock und Trauma zu beschäftigen. Levine beobachtet dabei ein scheinbar simples Phänomen: Wildtiere, die in freier Natur lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt sind, entwickeln kaum Traumafolgestörungen – obwohl sie regelmäßig an Leib und Leben bedroht werden. Warum? Weil sie die im Kampf-oder-Flucht-Modus mobilisierte Energie durch instinktive Zitter- und Schüttelbewegungen direkt nach dem Ereignis wieder vollständig entladen.
Menschen hingegen neigen dazu, diese natürliche Entladung zu unterdrücken – sei es durch gesellschaftliche Normen, durch Scham oder schlicht, weil sie sich keine Blöße geben wollen. Die Energie bleibt im Körper gebunden, das Nervensystem bleibt auf Alarmbereitschaft eingestellt. Diese Beobachtung wird zum Ausgangspunkt von Levines Arbeit. Er kombiniert seine multidisziplinären Erfahrungen aus Stressphysiologie, Neurobiologie, Ethologie und Psychotraumatologie und entwickelt daraus über Jahrzehnte die Methode des Somatic Experiencing.
Levine ist promovierter Biophysiker und Psychologe, war Berater für die NASA während der Entwicklung des Space Shuttles und hat an zahlreichen Kliniken und Schmerzcentern in den USA und Europa gelehrt. Sein 1997 erschienenes Buch „Traumaheilung – Das Erwachen des Tigers“ wurde ein internationaler Bestseller und in 26 Sprachen übersetzt. Heute gilt Peter Levine als einer der einflussreichsten Traumaexperten weltweit. Die Wirksamkeit von Somatic Experiencing wurde inzwischen durch kontrollierte randomisierte Studien belegt, auch wenn die Forschungslage – verglichen mit etablierten Verfahren wie der kognitiven Verhaltenstherapie oder EMDR – noch ausbaufähig ist.

📖 Buchtipp | „Sprache ohne Worte„ von Peter A. Levine
Wer tiefer in die Welt des Somatic Experiencing eintauchen möchte, dem sei Peter Levines Werk „Sprache ohne Worte“ ans Herz gelegt. Es ist gewissermaßen der Höhepunkt seines Lebenswerks: Levine verbindet darin seine jahrzehntelange therapeutische Erfahrung mit aktuellen Erkenntnissen aus Neurobiologie und Gehirnforschung – und zeigt anhand eindrücklicher Fallbeispiele, wie Trauma nicht als Krankheit, sondern als Verletzung verstanden werden kann, die heilbar ist. Der Schlüssel dazu liegt in der Weisheit des Körpers – in jener stillen, nonverbalen Sprache, die unser Nervensystem die ganze Zeit spricht. Ein kluges, zugängliches Buch für Fachleute und alle, die sich selbst besser verstehen möchten.
Trauma im Körper: Warum klassische Gesprächstherapie manchmal nicht reicht
Viele Menschen, die mit Traumata oder tiefgreifendem Stress in eine Therapie kommen, machen eine frustrierende Erfahrung: Sie reden und reden, sie verstehen auf kognitiver Ebene, was passiert ist – und trotzdem verändert sich körperlich kaum etwas. Das Herz rast weiterhin bei bestimmten Auslösern, die Muskeln bleiben chronisch angespannt, der Schlaf ist gestört. Dieses Phänomen lässt sich neurobiologisch erklären: Traumatische Erfahrungen werden nicht allein im Hippocampus – dem Gedächtniszentrum des Gehirns – gespeichert, sondern hinterlassen tiefe Spuren in den körperlichen Reaktionssystemen. Der Verstand kann ein Ereignis längst verarbeitet haben, während der Körper noch immer in Hab-Acht-Stellung verharrt.
Somatic Experiencing setzt genau hier an. Statt das traumatische Ereignis zu erzählen oder zu analysieren, arbeitet die Methode mit dem, was jetzt, in diesem Moment, im Körper spürbar ist. Körperliche Empfindungen wie Enge in der Brust, Kribbeln in den Armen oder plötzliche Wärme im Bauch werden nicht ignoriert oder bewertet, sondern aufmerksam begleitet. Diese Empfindungen sind Botschaften des Nervensystems – und genau über sie kann eine tiefe Regulation stattfinden.
Wichtig zu verstehen: Im Somatic Experiencing müssen belastende Situationen oder Traumata nicht wiedererlebt werden, um sie zu verarbeiten. Das ist ein entscheidender Unterschied zu manchen anderen Traumatherapiemethoden und ein großer Vorteil für Menschen, die befürchten, durch eine Therapie erneut überwältigt zu werden.
🔍 Tiefer ins Thema: Somatic Experiencing setzt genau dort an, wo Körperwahrnehmung beginnt – bei der Interozeption. Was es bedeutet, die eigenen inneren Signale zu spüren und warum diese Fähigkeit für Heilung und emotionale Regulation so entscheidend ist, erfährst du in unserem Artikel.
Die zentralen Techniken: Titration, Pendulation und Tracking

Somatic Experiencing arbeitet mit einigen wenigen, aber wirkungsvollen Grundprinzipien. Die drei zentralen Techniken sind Tracking, Titration und Pendulation – und sie bilden zusammen das Herzstück der Methode.
👣 Tracking: Den Körper aufmerksam beobachten
Tracking bedeutet, die eigenen körperlichen Empfindungen bewusst und ohne Bewertung wahrzunehmen und zu benennen. Dabei geht es nicht darum, Gefühle zu analysieren, sondern schlicht zu registrieren: Wo im Körper spüre ich gerade etwas? Wie fühlt es sich an – ist es Wärme, Druck, Enge, ein Kribbeln? Verändert es sich? Diese Art der Körperwahrnehmung klingt einfach, ist für viele Menschen jedoch eine echte Übung – denn chronischer Stress und Trauma führen häufig dazu, dass die Verbindung zum eigenen Körper verloren geht.
💧Titration: In kleinen, verdaulichen Schritten
Der Begriff Titration stammt aus der Chemie, wo man zwei Substanzen Tropfen für Tropfen mischt, um eine Explosion zu vermeiden. Peter Levine hat dieses Bild direkt in die Methode des Somatic Experiencing übertragen: Belastende Themen oder Körperempfindungen werden nicht auf einmal und in voller Intensität angegangen, sondern in winzigen, gut verträglichen Dosen. So lernt das Nervensystem schrittweise, auch schwierige Erfahrungen zu tolerieren, ohne überflutet zu werden. Titration verhindert Retraumatisierungen und schafft Raum für echte Integration.
🌊 Pendulation: Das natürliche Hin und Her wie die Gezeiten
Pendulation beschreibt den rhythmischen Wechsel zwischen belastenden und angenehmen körperlichen Empfindungen – und die Metapher der Gezeiten trifft es dabei sehr gut: Wie das Meerwasser, das mal ans Ufer brandet und sich dann wieder ruhig zurückzieht, bewegt sich auch das Nervensystem in einem natürlichen Rhythmus zwischen Aktivierung und Entspannung. Die Gezeiten erzwingen nicht – sie fließen. Genau dieses Vertrauen in den eigenen Rhythmus ist das Ziel der Pendulation. Im Somatic Experiencing wird dieses Wechselspiel bewusst genutzt: Nach einer Begegnung mit einer schwierigen Empfindung folgt immer wieder die Rückkehr zu einem Ort der inneren Sicherheit und Ressource. So lernt das System, dass es aus einem Zustand der Anspannung auch wieder herausfinden kann – und dass das, wie die Gezeiten, ein natürlicher Fluss ist, dem man vertrauen darf.
Somatic Experiencing in der Praxis: Was passiert in einer Sitzung?
Eine Sitzung im Somatic Experiencing ist in ihrer Atmosphäre oft ruhiger und langsamer, als man es aus klassischen Therapiegesprächen kennt. Die Therapeutin oder der Therapeut wird im SE-Kontext häufig als „Begleiterin“ oder „Begleiter“ bezeichnet – und die Klientin oder der Klient als „Erkunderin“ oder „Erkunder“. Dieser Sprachgebrauch signalisiert die Haltung hinter der Methode: Niemand wird behandelt oder repariert, sondern jemand erkundet seine eigene innere Erfahrung – in einem geschützten Kontakt und behutsam begleitet.
Der Kontakt zwischen Therapeutin oder Therapeut und Klientin oder Klient ist dabei nicht nur Mittel zum Zweck, sondern ein zentrales Wirkprinzip. Die Kommunikation im SE ist bewusst verlangsamt: Es geht weniger darum, möglichst viel zu erzählen, als darum, gemeinsam aufmerksam wahrzunehmen. Die Kommunikation über körperliche Signale – ein Kribbeln, ein Engegefühl, eine plötzliche Wärme – ersetzt dabei häufig das ausführliche Gespräch über Inhalte und Erfahrungen.
Zu Beginn jeder Sitzung steht die Ressourcenarbeit: Die Therapeutin oder der Therapeut hilft dabei, innere und äußere Ressourcen zu aktivieren – körperliche oder emotionale Zustände, die ein Gefühl von Sicherheit, Stabilität oder Neutralität vermitteln. Das können angenehme körperliche Empfindungen sein, ein positiver Erinnerungsort, die Wahrnehmung der eigenen Füße auf dem Boden oder eine vertraute Geste.
Von diesem regulierten Zustand aus wird dann behutsam an belastenden Erfahrungen gearbeitet – stets mit der Möglichkeit, jederzeit wieder in die Ressource zurückzukehren. Manchmal zeigt sich dabei ein unwillkürliches Zittern oder ein tiefer Atemzug – Zeichen dafür, dass das Nervensystem beginnt, gespeicherte Energie auf natürlichem Wege zu entladen.
Das SE-Training für Therapeutinnen, Therapeuten und Coaches ist modular aufgebaut und dauert nach dem Einführungskurs rund drei Jahre, aufgeteilt in die Stufen Beginner, Intermediate und Advanced. Das Training umfasst neben theoretischen Inhalten auch praktische Übungen in Kleingruppen sowie verpflichtende Selbsterfahrung und Supervision – denn auch die eigenen körperlichen Erfahrungen zu kennen, ist für eine gute Begleitung unerlässlich.
Somatic Experiencing zu Hause: Eine einfache Anleitung für den Alltag

Somatic Experiencing in seiner vollen Tiefe gehört in die Hände ausgebildeter Therapeutinnen und Therapeuten – besonders dann, wenn schwere Traumata im Spiel sind. Einige grundlegende Prinzipien lassen sich jedoch auch zu Hause als sanfte Selbstregulationsübung nutzen. Die folgende Anleitung eignet sich für Momente von akutem Stress, innerer Unruhe oder leichter Anspannung.
Schritt 1 | Ankomm-Pause
Nimm dir einen Moment Zeit und komme bei dir an. Setze dich bequem hin oder stelle dich sicher hin. Spüre bewusst deine Füße auf dem Boden, deine Hände in deinem Schoß oder auf deinen Oberschenkeln. Lass deinen Blick im Raum umherwandern und orientiere dich: Wo bin ich gerade? Was sehe ich? Dieses einfache Grounding signalisiert deinem Nervensystem: Ich bin hier, ich bin sicher.
Schritt 2 | Ressource finden
Frage dich: Gibt es gerade eine Stelle in meinem Körper, die sich angenehm, neutral oder zumindest weniger angespannt anfühlt? Vielleicht die Handflächen, die Schultern, der Bauch? Richte deine Aufmerksamkeit auf diesen Ort und verweile dort einen Moment lang. Was nimmst du wahr – Wärme, Weichheit, Ruhe?
Schritt 3 | Pendeln üben
Spüre zunächst in die angenehme Stelle, die du in Schritt 2 gefunden hast. Dann lass deine Aufmerksamkeit kurz zu einem Bereich wandern, in dem du Spannung oder Unruhe wahrnimmst – nur für einen Moment, in kleinen Dosen (Titration). Dann kehrst du wieder zur Ressource zurück. Dieses Hin- und Herpendeln, dieses bewusste Schwingen wie die Gezeiten, ist der Kern der Pendulationsübung.
Schritt 4 | Körperimpulsen folgen
Nimm wahr, ob dein Körper einen Impuls hat – möchtest du dich strecken, den Kopf zur Seite neigen, tief ausatmen oder die Schultern locker schütteln? Folge diesen Impulsen behutsam und ohne sie zu forcieren. Manchmal beginnt der Körper leicht zu zittern oder zu vibrieren – das ist ein gutes Zeichen und deutet auf natürliche Entladung hin.
Schritt 5 | Nachspüren
Zum Abschluss nimmst du dir ein bis zwei Minuten Zeit, um einfach zu spüren, wie es dir jetzt geht. Hat sich etwas verändert? Fühlt sich dein Atem anders an? Gibt es mehr Raum, mehr Leichtigkeit?
Diese Übung kann täglich praktiziert werden und ist ein wirksames Werkzeug, um das Nervensystem Schritt für Schritt an Achtsamkeit und Regulation zu gewöhnen. Sie ersetzt keine professionelle Therapie, kann aber als ergänzende Praxis im Alltag wertvolle Dienste leisten.
Somatic Experiencing im Coaching: Möglichkeiten und Grenzen

Somatic Experiencing hat längst den rein therapeutischen Kontext verlassen und hält zunehmend Einzug in das Coaching. Viele ausgebildete Coaches integrieren SE-Prinzipien, um ihren Klientinnen und Klienten zu helfen, körperliche Signale besser wahrzunehmen, Stressmuster zu durchbrechen und nachhaltige Veränderungen zu verankern. Denn: Kognitive Erkenntnisse allein bewirken im Coaching oft wenig, wenn der Körper noch in alten Mustern feststeckt. Die Kommunikation zwischen Coach und Klientin oder Klient wird durch körperorientierte Achtsamkeit tiefer und direkter.
Somatic Coaching – also ein Coaching, das SE-Prinzipien integriert – eignet sich besonders gut zur Unterstützung bei der Stressbewältigung im Berufsalltag, bei der Arbeit mit Glaubenssätzen und Selbstwirksamkeit, beim Aufbau von Resilienz sowie bei der Überwindung von Veränderungsblockaden. Dabei sind systemische Coaching-Elemente häufig mit körpertherapeutischen Ansätzen kombiniert.
Wichtig ist jedoch die klare Abgrenzung: Schwere Traumata, Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) oder komplexe Trauma-Folgeerkrankungen gehören in therapeutische Hände – nicht ins Coaching. Hier sind ausgebildete Somatic Experiencing Practitioner (SEP) gefragt, also Therapeutinnen und Therapeuten, die das vollständige SE-Training absolviert haben. Coaching ist kein Ersatz für Therapie, kann aber eine wertvolle ergänzende Unterstützung sein – vorausgesetzt, die Grenze zwischen beiden wird klar kommuniziert und respektiert.
Für wen eignet sich Somatic Experiencing – und für wen nicht?
Somatic Experiencing kann für eine Vielzahl von Menschen hilfreich sein. Besonders profitieren können:
- Menschen, die Schocktraumata erlebt haben, zum Beispiel durch Unfälle, medizinische Eingriffe oder Naturkatastrophen
- Betroffene mit frühen Bindungs- und Entwicklungstraumata, also Menschen, die in unsicheren oder vernachlässigenden Umfeldern aufgewachsen sind
- Personen mit chronischem Stress, Burnout oder anhaltenden körperlichen Beschwerden ohne klare organische Ursache
- Menschen, die in klassischen Gesprächstherapien das Gefühl hatten, sich im Kreis zu drehen
- Alle, die ihre Körperwahrnehmung und Selbstregulation im Alltag stärken möchten – auch ohne konkreten Trauma-Hintergrund.
Vorsicht geboten ist dagegen bei akuten psychotischen Episoden oder einer schweren Dissoziation, bei denen eine sehr enge Begleitung durch erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten unbedingt erforderlich ist. Auch bei sehr starker emotionaler Destabilisierung sollte SE nur in einem klar therapeutischen Rahmen erfolgen. Generell gilt: Je schwerer die Geschichte, desto wichtiger die professionelle Begleitung.
🔍 Tiefer ins Thema: Wer täglich mit den Traumata und Belastungen anderer Menschen arbeitet, trägt selbst ein erhöhtes Risiko – für Erschöpfung, Mitgefühlsmüdigkeit und Burnout. Warum Therapeutinnen und Therapeuten besonders gefährdet sind und wie du als Fachkraft aktiv für deine eigene Resilienz sorgen kannst, erfährst du hier:
Burnout im Gesundheitswesen: Symptome, Ursachen und Prävention
Wie findest du die passende Therapeutin oder den passenden Therapeuten?
Somatic Experiencing ist eine geschützte Methode, und das Training der Practitioner ist klar geregelt. Ausgebildete Somatic Experiencing Practitioner – kurz SEP – haben eine mehrjährige, modulare Ausbildung absolviert, die neben theoretischem Wissen auch umfangreiche Selbsterfahrung und Supervision umfasst.
Eine gute erste Anlaufstelle in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die offiziellen Verbandswebseiten. In Deutschland bietet der Somatic Experiencing Deutschland e. V. eine Therapeutenliste. Für Österreich ist Somatic Experiencing Austria eine erste Orientierung und für die Schweiz Somatic Experiencing Suisse.
Achte bei der Auswahl darauf, dass die Person eine abgeschlossene SE-Ausbildung bis mindestens zur Practitioner-Ebene vorweisen kann. Gleichzeitig ist der persönliche Kontakt und das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen – also der sogenannte therapeutische Kontakt – kaum zu überschätzen. Somatic Experiencing arbeitet immer in Beziehung. Die Verbindung zwischen Therapeutin oder Therapeut und Klientin oder Klient ist nicht nur nützlich, sondern ein tiefer, integraler Bestandteil der Methode.
FAQ zum Thema Somatic Experiencing
Somatic Experiencing (SE) ist eine körperorientierte Methode zur Behandlung von Trauma, chronischem Stress und Dysregulationen des Nervensystems, entwickelt von Peter Levine. Sie arbeitet mit körperlichen Empfindungen statt mit kognitiver Analyse und wird bei Schocktraumata, Entwicklungstraumata, PTBS und Burn-out eingesetzt.
Während klassische Traumatherapie häufig „top-down“ vorgeht – also über Sprache, Kognition und Erinnerung –, arbeitet Somatic Experiencing „bottom-up“: zuerst über den Körper, dann über Emotionen und Verstand. Traumata müssen dabei nicht erneut erlebt oder ausführlich erzählt werden, was das Risiko einer Retraumatisierung deutlich reduziert.
Einige grundlegende Prinzipien – wie Grounding-Übungen, das bewusste Wahrnehmen von Körperstellen als Ressource oder sanftes Pendeln zwischen Anspannung und Entspannung – lassen sich als Selbstregulationsübung zu Hause anwenden. Schwere Traumata sollten jedoch immer mit einer ausgebildeten Therapeutin oder einem ausgebildeten Therapeuten bearbeitet werden.
In Österreich bietet Somatic Experiencing Austria (somaticexperiencing.at) eine Übersicht über zertifizierte Practitioner. In Deutschland ist der Somatic Experiencing Deutschland e.V. (somatic-experiencing.de) die zentrale Anlaufstelle. Achte bei der Auswahl auf eine abgeschlossene Ausbildung mindestens bis zur Practitioner-Ebene und – ebenso wichtig – auf ein gutes persönliches Kontaktgefühl in der ersten Sitzung.
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